Restwassermengen in Schweizer Flüssen gefährden Ökosysteme – Forschende fordern flexiblere Regelungen

Durch | Juni 26, 2025
Wasserentnahmen können im Sommer die Wassertemperatur erhöhen, im Winter reduzieren. Temperaturen der Sihl am 19. August 2019. | Quelle: (Grafik: Mende & Sieber 2022)

Zürich, 26. Juni 2025 – Geringe Restwassermengen in Schweizer Flüssen, bedingt durch die Wasserkraftnutzung, bedrohen die Ökosysteme und verschärfen die Folgen von Klimawandel und Biodiversitätsschwund, wie ein Bericht von Forschenden der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), der Universität Zürich (UZH) und der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) zeigt. Der in der Zeitschrift „Aqua & Gas“ veröffentlichte Artikel „Restwasser. Die Suche nach der angemessenen Menge“ analysiert die komplexe Balance zwischen Energieproduktion und Gewässerschutz und deckt erhebliche Wissenslücken auf. „Restwasser bedeutet für die Wasserkraft eine Produktionsminderung und für die Gewässerökologie ein Existenzminimum“, betont WSL-Hydrologe Tobias Wechsler.

Die Nutzung von Wasser für Energiegewinnung oder Bewässerung lasse vielerorts nur wenig vom natürlichen Abfluss übrig, erklärten die Forschenden. Gesetzlich vorgeschriebene Mindestabflüsse, sogenanntes Restwasser, sollten die biologische Funktion von Flüssen und Bächen sichern. Doch die 1991 im Gewässerschutzgesetz festgelegten Restwassermengen seien niedriger als von ökologischen Studien empfohlen, hieß es. „Bei der Verankerung der Restwasserbestimmungen im Gewässerschutzgesetz setzte sich 1991 ein Ansatz durch, der zu niedrigeren Mindestrestwassermengen führte als ökologische Untersuchungen empfahlen“, kritisierten die Autoren.

Wasserentnahmen können im Sommer die Wassertemperatur erhöhen, im Winter reduzieren. Temperaturen der Sihl am 19. August 2019. | Quelle: (Grafik: Mende & Sieber 2022)
Wasserentnahmen können im Sommer die Wassertemperatur erhöhen im Winter reduzieren Temperaturen der Sihl am 19 August 2019 | Quelle Grafik Mende Sieber 2022

Die ökologischen Folgen seien gravierend: 65 Prozent der Fischarten und Rundmäuler sowie 47 Prozent der wirbellosen Wasserlebewesen in der Schweiz stünden auf Roten Listen bedrohter Arten, was den schlechten Zustand vieler Gewässer widerspiegele. Reduzierte Wassermengen verlangsamen Strömungen, fördern Algenwachstum und verursachen Temperaturschwankungen, die spezialisierte Arten verdrängten. Auch Uferzonen und trockene Lebensräume litten, etwa durch den Rückgang von Libellen, Uferpflanzen oder Vögeln wie dem Flussregenpfeifer. „Flusslebewesen kommen zwar mit Störungen wie Hoch- oder Niedrigwasser zurecht, aber nicht mit kleinsten Restwassermengen oder täglichen, starken Schwankungen, wie sie durch die Wasserkraftnutzung entstehen“, erklärt WSL-Ökologin Sabine Fink. Ihre Untersuchungen zur Schwall-Sunk-Dynamik – schnellen Wasserpegelschwankungen durch Stromproduktion – zeigten, dass Flussabschnitte zwischenzeitlich austrockneten oder durch plötzliche Abflüsse erodierten, was Artenvielfalt und Lebensräume zerstöre.

Der Klimawandel verschärfe die Problematik, da er Abflüsse reduziere und die Biodiversität zusätzlich belaste, während ein Ausbau der Wasserkraft politisch gefördert werde, betonte Wechsler. „Die Frage nach der angemessenen Restwassermenge stellt sich angesichts dieser Veränderungen erneut“, sagte er. Restwasser beeinflusse nicht nur einzelne Kraftwerke, sondern ganze Flusssysteme, weshalb ganzheitliche Lösungen erforderlich seien, ergänzte Fink: „Restwasser und Abflussschwankungen von einzelnen Kraftwerken betreffen das Überleben von Arten und Lebensräumen in ganzen Einzugsgebieten.“

Ein zentrales Hindernis seien die starren Wasserrechtskonzessionen, die oft für 80 Jahre vergeben würden und kaum Anpassungen erlaubten, kritisierten die Forschenden. „Ein anpassungsfähiges Management kann helfen, auf Veränderungen wie den Klimawandel oder Schwall-Sunk-Belastungen besser zu reagieren – ohne dass die Betriebe Planungssicherheit verlieren“, schlug Wechsler vor. Für ältere Kraftwerke, konzessioniert vor 1992, griffen die Restwasserbestimmungen erst nach einer Neukonzessionierung, was zu Verzögerungen von bis zu einem Jahrhundert führen könne.

Transparente Daten zu den Auswirkungen von Restwassermengen auf die Stromproduktion fehlten, bemängelten die Wissenschaftler. „In der Vergangenheit zeigte sich, dass dieser Einfluss überschätzt wurde“, schrieben sie. Ziel der Forschung sei es, Zusammenhänge aufzuzeigen und in eine nachhaltige Wasserwirtschaft einzubringen, betonten Wechsler und Fink. Die Studie, unterstützt durch Programme wie SPEED2ZERO und „Wasserbau und Ökologie“, fordere unabhängige Zahlen zu Produktionsverlusten und ökologischen Anforderungen, um die Balance zwischen Wasserkraft und Naturschutz zu verbessern.


Originalpublikation:
Wechsler T., Schirmer M., Bryner A. (2025) Restwasser. Die Suche nach der angemessenen Menge – Festlegung, Wirkung und Anforderungen. Aqua Gas. 105(3), 48-53.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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