
Italien ignoriert europäische Gesetze und gibt ein weiteres Mal die Jagd auf geschützte Vogelarten frei. Die Regionen Lombardei, Venetien und Ligurien haben den Abschuss bereits genehmigt, weitere Regionen planen dies aktuell, berichtet das Komitee gegen den Vogelmord (CABS). Insgesamt sollen in der kommenden Jagdzeit durch Ausnahmeregelungen mehr als 800.000 Buchfinken und Stare geschossen werden dürfen.

Eigentlich ist auch für Italien die EU-Vogelschutzrichtlinie (2009/147/EG) bindend. Sie verbietet die Jagd auf geschützte Vogelarten sowie den Einsatz von Netzen, Leimruten und elektronischen Lockgeräten. Auch die Jagd während der Brut- und Zugzeiten ist untersagt. In Italien wird diese Richtlinie allerdings häufig ignoriert. Ein Grund dafür ist die föderale Struktur des Landes, die den Regionen eine erhebliche Autonomie bei der Ausgestaltung der Jagdgesetze gewährt. Dies führt zu unterschiedlichen Regelungen und schafft Schlupflöcher. Das ist besonders in Regionen wie der Lombardei, Venetien und Ligurien der Fall, wo immer wieder Ausnahmeregelungen in Kraft gesetzt werden.
Die Einflussnahme politischer Parteien mit einer jagdfreundlichen Agenda, wie etwa der Lega (Lega per Salvini Premier, LSP, „Liga für Salvini als Premierminister“), wirkt sich ebenfalls auf die Umsetzung der Vogelschutzrichtlinie aus. Gesetzesinitiativen wie der Entwurf aus dem Jahr 2024 zeigen, dass Italien in den vergangenen Jahren bemüht ist, die europäischen Vorschriften zum Vogelschutz zu lockern oder zu umgehen.
Darüber hinaus hapert es an der Durchsetzung der geforderten Kontrollen: Während die Richtlinie genaue Vorgaben für Ausnahmegenehmigungen macht, fehlen in Italien wirksame Überprüfungsmechanismen. Bereits 2010 hatte der Europäische Gerichtshof Italien wegen unzureichender Kontrollen und zu großzügig erteilter Genehmigungen verurteilt. Die aktuelle Genehmigung sieht für diesen Herbst einen Abschuss von 581.302 Buchfinken und 230.242 Stare vor. In der Lombardei, einem der Wilderei-Hotspots in Norditalien, umfasst die Regelung beispielsweise 97.637 Buchfinken. Auf die 9.200 registrierten Jagdhütten in der Region macht das etwa 10 Vögel pro Kopf und Saison. Dieser Wert wird erfahrungsgemäß bereits in wenigen Stunden übertroffen, wenn starker Vogelzug auftritt.
Ein weiteres Problem stellt die weit verbreitete Wilderei dar. Trotz der bestehenden Verbote kommen illegale Methoden wie Leimruten, Netze und Schusswaffen zum Einsatz, während die Strafverfolgung häufig nicht ausreicht oder die Behörden wegsehen. Umweltorganisationen berichten, dass lediglich ein Bruchteil der Täter tatsächlich gefasst wird. Erschwerend hinzu kommt die tief verwurzelte Tradition der Singvogeljagd in Italien. Kulturelle Akzeptanz und historische Praktiken führen dazu, dass die gesetzlichen Vorgaben in der Bevölkerung nicht immer Akzeptanz finden, was die konsequente Durchsetzung zusätzlich erschwert.
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