
Agrarökologen der Universität Göttingen und des ungarischen HUN-REN Centre for Ecological Research haben eine bislang wenig beachtete Artenvielfalt kleiner Insekten in Gräsern nachgewiesen. Diese versteckte Lebensgemeinschaft wird durch gängige Grünlandbewirtschaftung stark gefährdet.
Das Team analysierte mehr als 23.000 Grashalme von zehn mehrjährigen und fünf einjährigen Grasarten. In den mehrjährigen Arten wie Knäuelgras oder Quecke wurden insgesamt 255 Insektenarten gefunden, darunter pflanzenfressende Arten wie Gallmücken und Halmfliegen sowie zahlreiche parasitische Wespen als ihre natürlichen Feinde. In einjährigen Gräsern wie Ackerfuchsschwanz oder Windhalm kam hingegen keine Insektenart vor.
Die Vielfalt steigt mit der Halmlänge mehrjähriger Gräser, da diese als stabilere und nährstoffreichere Wirtspflanzen dienen. Etwa ein Drittel der Arten ernährt sich direkt vom Pflanzengewebe, der Großteil besteht aus Parasitoiden – vor allem Wespen –, die pflanzenfressende Insekten befallen. Viele der entdeckten Arten sind hoch spezialisiert, fast zwei Drittel auf Gräser insgesamt und die Hälfte sogar auf einzelne Grasarten.
Regelmäßiges Mähen unterbricht den Lebenszyklus dieser Insekten, da sie auf intakte, überwinternde Halme angewiesen sind. Die Forscher empfehlen daher, Teile der Grünflächen mehrere Jahre ungemäht zu belassen, um Refugien zu schaffen und stabile Populationen zu ermöglichen. Die intensive Bewirtschaftung ignoriere diese versteckte Biodiversität weitgehend, obwohl sie für funktionierende Ökosysteme essenziell sei.
Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Basic and Applied Ecology veröffentlicht und unterstreichen die Notwendigkeit, bei Naturschutzmaßnahmen auch kleinräumige, pflanzenassoziierte Lebensgemeinschaften stärker zu berücksichtigen.
Originalpublikation:
Teja Tscharntke, Péter Batáry, Stefan Vidal. The hidden multitrophic diversity of specialized grass-shoot insects – neglected by grassland management. Basic and Applied Ecology (2026). https://doi.org/10.1016/j.baae.2026.01.004 (Open Access)

Quelle Tscharntke T et al 2026
Copyright Tscharntke T et al Basic and Applied Ecology DOI 101016jbaae202601004 lizensiert nach CC BY 40

