
Die Fotografie, einst ein Medium der freien Meinungsäußerung und künstlerischen Auseinandersetzung, steht vor einer schleichenden Erosion ihrer Freiheit. Als unabhängiges Medium wie Pugnalom, das auf kostenlose Fotoplattformen angewiesen ist, beobachten wir mit Sorge, wie die kreative, intellektuelle und meinungsbildende Freiheit in der Fotografie durch technische und ideologische Eingriffe eingeschränkt wird.

Telepolis thematisiert in seinem Beitrag „Adobe zensiert Photoshop: Wenn US-Moral die Kunstfreiheit beschneidet“ die Einschränkung der künstlerischen Freiheit in der digitalen Fotografie durch US-amerikanische Software-Anbieter. Diese blockieren KI-gestützte Bearbeitungsfunktionen für Inhalte, die ihren prüden und konservativen Moralvorstellungen widersprechen, etwa Nacktheit oder gesellschaftlich kontroverse Themen. Während solche Inhalte in Europa durch die Kunstfreiheit zumindest theoretisch geschützt sind, verweigern Programme wie Adobe Photoshop Cloud die Bearbeitung mit Verweis auf firmeninterne Richtlinien. Dies wird als stiller Akt der Zensur kritisiert, der kreative Prozesse einschränkt und globale kulturelle Diskurse durch US-amerikanische Moralvorstellungen ersetzt. ProfiFoto-Chefredakteur Thomas Gerwers fordert die Kreativ-Community auf, sich gegen diese Entwicklung zu positionieren, um die künstlerische Freiheit zu bewahren.
Der Telepolis-Artikel deckt allerdings nur die Spitze des Eisbergs auf: Nicht allein die Bearbeitung von Bildern wird durch KI-gestützte Software zensiert – es nimmt auch die Verfügbarkeit kritischer Inhalte auf großen Plattformen drastisch ab. Fotos mit kritischem Inhalt wie Artensterben, Umweltzerstörung, Klimakatastrophe, Konsumismus, Massentierhaltung, Pestizideinsatz, Verschwendung oder Ausbeutung der Entwicklungsländer sind auf den üblichen kostenlosen Foto-Plattformen sehr viel seltener auffindbar als solche, die eine heile Scheinwelt darstellen. Eine Suche nach entsprechenden Schlagworten liefert vor allem symbolische Bilder oder abstrakte Darstellungen, die eher ästhetisch als anklagend wirken. Statt drastischer Bilder von sterbenden Korallenriffen oder ausgemergelten Tieren dominieren harmonische Naturaufnahmen. Generische Bilder von Windrädern oder Solarmodulen sind die Regel; sie suggerieren, dass die Klimakrise bereits gelöst ist. Besonders drastisch ist der Widerspruch zwischen Realität und Fotowelt, wenn es um Arbeit und Leben geht. Hier werden BesucherInnen der Plattformen geradezu mit Wohlfühlbildern überschüttet: Lächelnde, meist junge und gutaussehende Menschen in idyllischen Gärten und gesunder Natur, bei der Arbeit in hippen Büros oder beim Genuss perfekt arrangierter Speisen. Diese Ästhetik ist nicht nur weit entfernt von der Realität und von den Ursachen globaler Probleme; sie vermittelt auch eine gefährliche Botschaft: Alles ist gut, nichts muss verändert werden.
Die Fokussierung auf positive, unkritische Inhalte ist kein Zufall. Große Fotoplattformen sind darauf ausgelegt, Inhalte zu liefern, die werbefreundlich und massentauglich sind. Bilder von glücklichen Menschen in harmonischen Szenarien verkaufen sich besser – sei es für Werbung, Social Media oder Corporate Branding. Kritische Inhalte hingegen stoßen auf Widerstand. Sie sind unbequem, fordern zum Nachdenken auf und widersprechen dem Narrativ der „heilen Welt“, das viele Unternehmen und Plattformen fördern.
Doch diese Entwicklung hat weitreichende Folgen. Fotografen, die sich mit Themen wie Umweltzerstörung oder sozialer Ungerechtigkeit auseinandersetzen, finden kaum noch eine Bühne für ihre Arbeit. Plattformen wie Instagram verschärfen das Problem durch Algorithmen, die kontroverse Inhalte herunterstufen oder sogar sperren. Ein Beispiel: Ein Fotograf, der Bilder von Protesten gegen Kohlekraftwerke hochlädt, riskiert, dass seine Reichweite gedrosselt wird, während ein Foto von einem Sonnenuntergang viral geht. Diese Mechanismen zwingen Kreative in eine Zwangsjacke der Konformität, in der nur noch das Unkritische und Ästhetische Platz hat.
Der Telepolis-Artikel zeigt, wie Software wie Adobe Photoshop Cloud die künstlerische Freiheit durch KI-gestützte Zensur einschränkt. Doch das Problem geht über die Bearbeitung hinaus. Die gleichen Unternehmen, die solche Software entwickeln, kontrollieren auch die großen Bilddatenbanken. Ihre Richtlinien bestimmen, welche Inhalte hochgeladen und verbreitet werden dürfen. Ein konkretes Beispiel ist die Ablehnung von Fotografien, die die Lebensrealität von Obdachlosen dokumentieren, mit der Begründung, sie seien „zu kontrovers“ oder „nicht kommerziell nutzbar“.
Eine solche Zensur ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein ideologisches Problem. US-amerikanische Moralvorstellungen, die Nacktheit oder gesellschaftliche Konflikte als anstößig betrachten, werden global durchgesetzt. Dies steht im eklatanten Widerspruch zu europäischen Werten wie der Kunstfreiheit, die ausdrücklich auch das Unbequeme und Provokative schützt. Die Einschränkung der kreativen Freiheit in der Fotografie ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit und damit auf die Demokratie. Fotografie ist ein mächtiges Medium, um gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen. Bilder von Umweltkatastrophen, sozialen Ungerechtigkeiten oder politischen Protesten haben in der Vergangenheit Bewegungen inspiriert und Veränderungen angestoßen. Doch wenn solche Bilder weder bearbeitet noch verbreitet werden dürfen, verliert die Gesellschaft ein wichtiges Werkzeug der Realitätsvermittlung.
Wir von Pugnalom fordern ein Umdenken. Die künstlerische Freiheit in der Fotografie darf nicht durch die Richtlinien von Tech-Konzernen und deren Algorithmen auf Plattformen eingeschränkt werden. FotografInnen müssen sich zusammenschließen und alternative Plattformen fördern, die kritische Inhalte willkommen heißen. Gleichzeitig brauchen wir eine öffentliche Debatte über die Macht von Software-Anbietern und deren Einfluss auf die Meinungsfreiheit. Die Fotografie ist mehr als ein ästhetisches Medium – sie ist ein Werkzeug der gesellschaftlichen Analyse, des Widerstands und der Aufklärung. Wenn wir zulassen, dass sie in die Fesseln globaler Konzerne gelegt wird, verlieren wir nicht nur die Kunst, sondern auch unsere Stimme.
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