
Der globale Kampf gegen den Klimawandel ist in vollem Gange, doch ein Schatten liegt über vielen Initiativen: Greenwashing. Unternehmen und Institutionen nutzen scheinbar umweltfreundliche Maßnahmen, um ihr Image zu polieren, ohne echte Veränderungen voranzutreiben. Besonders der Emissionshandel, der als Marktinstrument zur Reduzierung von Treibhausgasen konzipiert ist, dient zunehmend als Vehikel für diese Täuschung. Carbon Credits – Zertifikate, die Emissionen kompensieren sollen – werden in Skandalen als wertlos enttarnt, während Konzerne Milliarden in fossile Brennstoffe pumpen und gleichzeitig „klimaneutral“ werben. Dieser Bericht beleuchtet das Phänomen basierend auf unabhängigen Analysen, Untersuchungen und realen Fällen. Er zeigt, wie der Handel mit CO?-Zertifikaten von einer vielversprechenden Lösung zu einem Bollwerk gegen echte Dekarbonisierung verkommt.
Der Emissionshandel: Idee und Realität
Der Emissionshandel, auch Cap-and-Trade-System genannt, zielt darauf ab, den CO?-Ausstoß zu begrenzen, indem Unternehmen Rechte zum Emittieren einer festgelegten Menge an Treibhausgasen erwerben oder verkaufen. Das europäische Emissionshandelssystem (EU ETS), seit 2005 im Einsatz, deckt Sektoren wie Energie und Industrie ab und erzielte Preise von bis zu 63 Euro pro Tonne CO? im Jahr 2021. Ähnliche Systeme existieren in China, Kalifornien und Südkorea. Ergänzt wird dies durch freiwillige Märkte, wo Unternehmen Carbon Offsets kaufen, um Emissionen auszugleichen – etwa durch Aufforstung oder erneuerbare Energien.
Theoretisch fördert dies Innovationen und senkt Kosten. In der Praxis birgt es jedoch Lücken: Überangebot an Zertifikaten führt zu niedrigen Preisen, die den Übergang von fossilen Brennstoffen kaum beschleunigen. In China, dem größten Emittenten, deckt das nationale System nur 14 Prozent der Emissionen ab und begünstigt oft ineffiziente Projekte. Kritiker sehen hier den Kern des Greenwashings: Unternehmen erfüllen Quoten durch den Kauf billiger Credits, ohne eigene Prozesse zu optimieren. Eine Studie aus dem Jahr 2024 analysierte, dass viele Projekte in Entwicklungsländern keine zusätzlichen Reduktionen erzielen – sie hätten ohnehin stattgefunden. Solche „nicht-additionalen“ Credits übertreiben den Klimanutzen und täuschen Stakeholder.
Mechanismen des Greenwashings: Von Double-Counting bis Phantom-Credits
Greenwashing im Emissionshandel manifestiert sich in mehreren Formen. Eine gängige Praxis ist das Double-Counting: Eine Reduktion wird doppelt gezählt – einmal vom Unternehmen, das den Credit kauft, und einmal vom Gastland in seinen nationalen Klimazielen. Dies schafft den Eindruck größerer Fortschritte, ohne dass die globale CO?-Bilanz sinkt. In der EU und China wurde dies als systematischer Fehler identifiziert, der den Übergang zu erneuerbaren Energien verzögert.
Ein weiterer Mechanismus ist die Nutzung von Low-Quality-Credits. Viele Offsets stammen aus Projekten wie Großwasserkraftwerken oder Aufforstungen, die umwelt- und sozialschädlich sind. Sie verursachen Bodenverarmung oder verdrängen indigene Gemeinschaften, ohne langfristig CO? zu binden. Eine Analyse von 2024 bewertete 50 der populärsten Offset-Projekte und klassifizierte die Mehrheit als „wahrscheinlich wertlos“ aufgrund fehlender Additionality – die Emissionen wären ohne das Projekt vermieden worden. Solche Credits dienen rein der Imagepflege.
In China fördert das ETS sogar Greenwashing durch finanzielle Belastungen: Unternehmen mit hohen Kosten manipulieren Berichte, übertreiben Emissionen oder untertreiben Abhilfen, um Zertifikate günstiger zu erwerben. Eine staggered Difference-in-Differences-Studie aus 2024 zeigte, dass das System in Pilotphasen (2013–2014) Greenwashing verstärkte, insbesondere bei firmen mit volatiler Performance. Ähnlich im EU ETS: Frühe Phasen litten unter Überallokation, was Preise drückte und Anreize schuf, statt zu reduzieren, weiter zu emittieren und zu offsetten.
Evidenzbasierte Beispiele: Skandale aus der Praxis
Die Theorie wird durch reale Fälle greifbar. Im Januar 2023 enthüllte eine Untersuchung des Guardian, Die Zeit und SourceMaterial, dass über 90 Prozent der Regenwald-Credits von Verra – dem weltgrößten Zertifizierer mit über einer Milliarde ausgegebenen Einheiten – Phantom-Credits sind. Verra-Projekte in Peru und Äquador versprachen Emissionsvermeidung durch Waldschutz, doch Analysen zeigten, dass Deforestation-Raten nicht signifikant sanken. Käufer wie Delta Airlines und Shell nutzten diese Credits für „carbon-neutral“-Werbung, obwohl sie fossile Expansionen fortsetzten. Shell investierte 2023 nur 1 Prozent seiner Mittel in Low-Carbon-Projekte, während es Milliarden in Öl und Gas steckte – ein klassisches Beispiel für „two-handed greenwashing“.
Ein weiterer Skandal betraf Virgin Atlantic. Das Unternehmen finanzierte Aufforstungsprojekte in Kambodscha, doch Fern, eine Umwelt-NGO, deckte auf, dass anhaltende Abholzung die gebundenen Emissionen rückgängig machte. Die Offsets verloren ihre Wirksamkeit, doch Virgin pries weiter „klimaneutrales Reisen“. Ähnlich bei der Massachusetts Audubon Society: Der Naturschutzverein verkaufte Credits für Wälder, die nie gefährdet waren. Käufer wie Shell und Phillips 66 rechneten diese als echte Reduktionen ab, was ProPublica und MIT Technology Review als fehlende Additionality enttarnten.
In China sorgte Shell 2023 für Aufsehen: Das Unternehmen verkaufte Credits aus fragwürdigen Waldprojekten, die durch ungenaue Baselines und Leckagen (Emissionen verschieben sich nur) überbewertet waren. Greenpeace East Asia schätzte, dass Shell bis zu 2,7 Millionen US-Dollar einnahm, während die Projekte netto mehr emittierten. Dies unterstreicht, wie Offsets indigene Rechte verletzen: Im ecuadorianischen LEAF-Coalition-Projekt wurden Gemeinschaften vertrieben, um „Schutz“ zu simulieren.
Deutsche Fälle illustrieren den Alltagsaspekt. Der BGH entschied 2024, dass „klimaneutral“-Labels auf Produkten nur durch Offsets erlaubt sind, wenn dies explizit gekennzeichnet wird – ein Schlag gegen irreführende Werbung. Lidl wurde von der Deutschen Umwelthilfe verklagt, weil es Einwegflaschen als umweltfreundlicher pries, basierend auf veralteten Daten und selbst beauftragten Studien. RWE erhielt 2021 den „Goldenen Geier“ für Lügen über Kohleausstieg, während es ETS-Zertifikate hortete.
In der EU führte der Betrug im Carbon Trading zu einem 5-Milliarden-Euro-Skandal: Kriminelle nutzten VAT-Fraud, um Zertifikate zu waschen, was den Markt 2009 lahmlegte. Frankreich schloss Plattformen, doch der Schaden war angerichtet – Preise fielen, und Greenwashing florierte.
Auswirkungen: Verzögerte Klimaziele und Verbrauchertäuschung
Diese Praktiken haben weitreichende Konsequenzen. Der freiwillige Carbon-Markt schrumpfte 2023 um ein Drittel, da Käufer wie Nestlé und Gucci „junk“-Credits meiden mussten. Dennoch täuschen Offsets Verbraucher: 53 Prozent der EU-Umweltclaims sind vage oder falsch, per EU-Studie 2020. Unternehmen wie ExxonMobil und easyJet kassieren Prämien für „grüne“ Flüge, während Emissionen steigen. Dies verzögert den Übergang: Statt absolute Reduktionen priorisieren Firmen Offsets, was den Pariser Zielen (1,5 °C) schadet. In Entwicklungsländern verschärft es Ungleichheiten – der Norden lagert Emissionen aus, der Süden trägt Risiken wie Biodiversitätsverlust.

Sozial gesehen erodiert Vertrauen: 80 Prozent der Konsumenten lassen sich von „grünen“ Labels leiten, doch Skandale wie FIFA’s „carbon-neutral“ WM 2022 (von der Schweizer Werbekommission als irreführend gebrandmarkt) schüren Skepsis. Indigene Gruppen leiden am meisten: Projekte wie in Peru verletzen Landrechte, ohne echte Schutz zu bieten.
Regulatorische Gegenmaßnahmen: Ein Lichtblick?
Die EU reagiert mit der Green Claims Directive (2024), die Offsets für Produkte verbietet, es sei denn, Emissionen sind maximal reduziert. Die Greenwashing Directive schützt Verbraucher vor irreführenden Claims und erweitert die Unfair Commercial Practices Directive. In Deutschland fordert der BGH Transparenz, und die UN-Taskforce unter Guterres plant, Credits von Klimaneutralitätsbewertungen auszuschließen. China optimiert sein ETS durch strengere MRV (Monitoring, Reporting, Verification), um Manipulation zu mindern.
Dennoch bleiben Lücken: Freiwillige Märkte fehlen Regulierung, und Standards wie Verra wehren Kritik ab, ohne Reformen. Experten fordern unabhängige Audits und Additionality-Prüfungen, um „Real Zero“ statt „Net Zero“ zu erreichen.
Fazit: Zeit für echte Verantwortung
Greenwashing im Emissionshandel ist kein Randphänomen, sondern ein systemisches Versagen, das Klimaziele sabotiert. Fälle wie Verra’s Phantom-Credits oder Shells China-Skandal zeigen: Offsets sind oft ein Alibi für Untätigkeit. Unternehmen müssen priorisieren: Echte Reduktionen vor Kompensation. Regulatoren wie die EU setzen Standards, doch nur globale Kooperation – inklusive UN-Reformen – kann den Betrug stoppen. Verbraucher: Prüfen Sie Labels, fordern Sie Transparenz. Der Planet kann sich keine grüne Fassade mehr leisten.

