10 Jahre Übereinkommen von Paris – Fortschritte, Lücken und der Weg zur Klimaneutralität

Durch | Dezember 9, 2025

Das Übereinkommen von Paris, am 12. Dezember 2015 von 195 Vertragsparteien (194 Staaten und die EU) im Konsens verabschiedet, markiert einen historischen Wendepunkt im globalen Klimaschutz. Als erstes Abkommen fordert es verbindliche nationale Beiträge (Nationally Determined Contributions, NDCs) von allen Beteiligten, mit dem Ziel, die globale Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C, idealerweise 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Zehn Jahre später zieht das Umweltbundesamt (UBA) in seiner Bilanz eine ambivalente Einschätzung: Die Richtung ist richtig, das Tempo jedoch unzureichend. Basierend auf dem UNEP Emissions Gap Report 2025 und der Globalen Bestandsaufnahme (Global Stocktake, GST) von 2023 hat das Abkommen spürbare Erfolge erzielt, darunter eine Reduktion der prognostizierten Erwärmung von 3,4 °C (Stand 2016) auf 2,3–2,5 °C bei vollständiger Umsetzung der bis November 2025 eingereichten NDCs. Dennoch bleibt die Welt weit vom 1,5-°C-Ziel entfernt, mit einer aktuellen Erwärmung von bereits +1,5 °C im Jahr 2024 und einer erwarteten Überschreitung in den 2030er Jahren. Dieses Fazit fasst die greifbaren Fortschritte, offenen Lücken und wirtschaftlichen Implikationen zusammen, gestützt auf die UBA-Bilanz und internationale Berichte.

Erfolge: Eine verbesserte Trajektorie durch kollektive Anstrengungen

Das Pariser Abkommen hat eine robuste Architektur geschaffen, die durch den Ambitionsmechanismus, den erweiterten Transparenzrahmen (seit COP24 2018), die GST (alle fünf Jahre) und Marktmechanismen wie den Artikel 6 (Kohlenstoffhandel) gestützt wird. Alle Kernkomponenten wurden auf der COP29 2024 vollständig umgesetzt. Der entscheidende Erfolg liegt in der Senkung der globalen Emissionsprojektionen: Ohne das Abkommen wären Emissionen bis 2035 um 20–48 Prozent gestiegen; stattdessen wird nun ein Rückgang um 12 Prozent erwartet (im Vergleich zu 2019). Die Kapazität erneuerbarer Energien wuchs 2024 um 15,1 Prozent, sodass im ersten Halbjahr 2025 erstmals mehr Strom aus Erneuerbaren als aus Kohle erzeugt wurde. Dies spiegelt den globalen Trend wider, in dem Investitionen in erneuerbare Energien mittlerweile über 80 Prozent der Gesamtinvestitionen im Energiesektor ausmachen – ein Anteil, der von 2.400 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 zeugt (IRENA-Daten).

In der Klimafinanzierung wurde das Ziel von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr für Entwicklungsländer 2022 erstmals erreicht. Auf der COP29 wurde die Neue Kollektive Quantifizierte Finanzierungsziele (NCQG) festgelegt: Ab 2035 sollen 300 Milliarden US-Dollar jährlich aus öffentlichen Quellen fließen, ergänzt durch insgesamt 1.300 Milliarden US-Dollar inklusive privater Investitionen. Die Transparenz hat ebenfalls Fahrt aufgenommen: Bis 2024 haben etwa die Hälfte der Parteien Biennial Transparency Reports (BTRs) eingereicht, was die Vergleichbarkeit und Überprüfbarkeit der NDCs verbessert. Die GST von 2023 hat zu ambitionierten Schritten geführt, wie der Verdreifachung der erneuerbaren Energien bis 2030, die nun durch eine jährliche Wachstumsrate von 16,6 Prozent ab 2025 untermauert werden soll. Zudem fördert das Abkommen natürliche Senken: Trotz anhaltender Entwaldung (8,1 Millionen Hektar Verlust 2024) plant die COP30 in Brasilien Fonds für den Schutz tropischer Wälder.

Diese Entwicklungen unterstreichen die Wirksamkeit des bottom-up-Ansatzes des Abkommens: Staaten definieren eigene Ziele, die durch globale Überprüfungen gesteigert werden. Bis September 2025 haben 79 Parteien Langfriststrategien (LT-LEDS) eingereicht, die auf Netto-Null bis 2050 abzielen.

Lücken: Zu langsam, zu wenig – Die Dringlichkeit wächst

Trotz dieser Fortschritte offenbart die UBA-Bilanz tiefe Lücken, die das 1,5-°C-Ziel gefährden. Die aktuellen NDCs führen nur zu einem Emissionsrückgang von 12 Prozent bis 2035, während der IPCC eine Reduktion um 60 Prozent fordert, um die Erwärmung zu begrenzen. Globale Treibhausgasemissionen stiegen 2024 um 0,9 Prozent, und die Erwärmung hat das +1,5-°C-Niveau bereits erreicht – eine temporäre Überschreitung, die in den kommenden Jahren dauerhaft werden könnte. Die Ambitionslücke ist enorm: Bei Umsetzung der neuen NDCs (Stand November 2025) ergibt sich eine Erwärmung von 2,3–2,5 °C, bei bestehenden Politiken sogar 2,8 °C.

Finanzierungsdefizite verschärfen die Ungleichheit: Während 8.000 Milliarden US-Dollar pro Jahr bis 2030 für Schutz und Anpassung benötigt werden, beliefen sich fossile Subventionen 2022 auf 7.000 Milliarden US-Dollar (IWF), mit einem prognostizierten Anstieg auf 8.200 Milliarden bis 2030. Die Anpassungsfinanzierung bleibt vage: Eine Verdreifachung bis 2035 wurde beschlossen, ohne klaren Basisbetrag. Zudem fehlen Sanktionen für NDC-Nichtumsetzung, und der Konsens-Mechanismus blockiert ambitioniertere Schritte, wie einen Ausstiegsplan aus fossilen Brennstoffen. Die Entwaldung setzt das Glasgow-Ziel (COP26) von 2030 außer Kraft, und nur 79 LT-LEDS sind eingereicht – weit entfernt von einer globalen Abdeckung.

Der erneute US-Ausstieg unter der Trump-Administration (angenommen ab 2025) verstärkt die Belastung für die EU und Deutschland: Als historische Emittenten tragen sie eine hohe Verantwortung, ambitionierte Ziele voranzutreiben, um ärmere Ökonomien zu mobilisieren.

Der Klimaschutz geht trotz Abkommen von Paris zu langsam voran Symbolbild Credits Unsplash
Der Klimaschutz geht zu langsam voran Symbolbild Credits Unsplash

Die Rolle Deutschlands und der EU: Verantwortung und Chance

Deutschland und die EU positionieren sich als Vorreiter. Die EU-NDC, abgeleitet vom 2040-Ziel von mindestens 90 Prozent Emissionsreduktion, bleibt jedoch unzureichend für den 1,5-°C-Pfad. Das UBA betont: Die EU muss ihre Klimaziele ambitioniert umsetzen, um Glaubwürdigkeit zu wahren – insbesondere gegenüber Entwicklungsländern. Investitionen in Technologie und Erneuerbare demonstrieren, wie Klimaschutz mit Wohlstand vereinbar ist: In Deutschland generieren grüne Technologien Milliardenumsätze und Hunderttausende Jobs, wie in den Bereichen Wasserstoff und Kreislaufwirtschaft gezeigt.

Interviews auf der UBA-Plattform unterstreichen dies: UBA-Präsident Dirk Messner hebt die Chance hervor, Klimaneutralität mit Technologie zu verbinden, und warnt vor dem langsamen Tempo. Hans Joachim Schellnhuber (IIASA) analysiert systemische Risiken der Erwärmung. Nicole Wilke (ehemalige Klima-Verhandlerin) beleuchtet die Architektur und Transparenz. Christoph Bals (Germanwatch) kritisiert Lücken in der Finanzierung. Túlio Andrade (COP30) betont globale Kooperation. Sabine Nallinger (Stiftung KlimaWirtschaft) erörtert wirtschaftliche Vorteile, und Holger Lösch (BDI) die industrielle Transformation. Diese Stimmen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mahnen: Ohne alle Beteiligten ist Klimaneutralität bis 2050 illusorisch.

Wirtschaftliche Implikationen: Schutz zahlt sich aus

Klimaschutz ist kein Kostenfaktor, sondern Wachstumsmotor. Eine OECD/UNDP-Studie (2025) prognostiziert: Ambitionierte Politiken steigern das globale BIP kurzfristig stärker als der Status quo; bis 2050 +3 Prozent, bis 2100 +13 Prozent. Schäden durch Extremwetter beliefen sich 2024 auf 285 Milliarden Euro (OECD); bis 2049 wären sie sechsmal höher als Minderungskosten (Potsdam-Institut). 91 Prozent der Wind- und Solarprojekte sind günstiger als fossile Alternativen (IRENA 2024). Die UBA-Bilanz zeigt: Jedes Zehntelgrad Erwärmung weniger spart immense Summen und schafft Resilienz.

Ausblick: COP30 als Wende – Jedes Zehntelgrad zählt

Die COP30 in Belém (Brasilien) ab November 2025 wird entscheidend: Neue NDCs müssen den 1,5-°C-Pfad anpeilen, Finanzierung konkretisieren und Anpassung priorisieren. Die UBA fordert: Beschleunigung durch Technologie-Transfer und faire Lastenverteilung. Zehn Jahre Paris beweisen: Kollektives Handeln wirkt, doch die Zeit drängt. Deutschland kann als Brückenbauer agieren – für eine Welt, in der Klimaneutralität Realität wird.


Verifizierte Quellen

  • Umweltbundesamt: 10 Jahre Übereinkommen von Paris: https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/internationale-klimapolitik/uebereinkommen-von-paris/10-jahre-uebereinkommen-von-paris
  • UNEP Emissions Gap Report 2025: https://www.unep.org/resources/emissions-gap-report-2025
  • IRENA Renewable Capacity Statistics 2025: https://www.irena.org/Publications/2025/Jan/Renewable-capacity-statistics-2025
  • IPCC Sixth Assessment Report: https://www.ipcc.ch/assessment-report/ar6/
  • OECD/UNDP Climate Policy Report 2025: https://www.oecd.org/en/publications/2025/01/climate-policy-and-economic-growth_2025.html
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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
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