Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist seit Jahrtausenden fester Bestandteil der chinesischen Kultur und Gesundheitsversorgung. In der modernen Volksrepublik China genießt sie jedoch nicht nur kulturelle, sondern auch staatlich geförderte Bedeutung als gleichberechtigter Pfeiler des Gesundheitssystems neben der westlichen Medizin. Die Verfassung der Volksrepublik China verankert die Förderung beider Systeme, und seit den 1980er Jahren existieren eigenständige TCM-Verwaltungen auf Provinz- und nationaler Ebene.
Politischer Rahmen und Integration ins Gesundheitssystem
Seit dem 18. Parteitag der KPCh (2012) hat die Regierung die TCM zu einer nationalen Strategie erhoben. Wichtige Meilensteine sind der „Healthy China 2030 Plan“ und der „Outline of the Strategic Plan on the Development of Traditional Chinese Medicine (2016–2030)“. Diese Dokumente sehen eine vollständige Revitalisierung der TCM vor – von der klinischen Praxis über Forschung, Ausbildung und Industrie bis hin zur Kultur. Die TCM wird explizit in die Grundversorgung, Prävention und Notfallmedizin integriert; in Allgemeinkrankenhäusern und Gemeindeeinrichtungen gibt es TCM-Abteilungen. 2026 wurden neue Richtlinien erlassen, die TCM-Dienste an Primärversorgungseinrichtungen (Township Health Centers und Community Clinics) standardisieren und mindestens sechs Kategorien mit zehn Behandlungstechniken (z. B. Akupunktur, Moxibustion, Schröpfen, Massage) vorschreiben.
Ein Aktionsplan zur Standardisierung der TCM (2024–2026) sieht die Erarbeitung von 180 nationalen und 30 internationalen Standards vor. Gleichzeitig werden KI-gestützte TCM-Diagnose- und Behandlungssysteme gefördert.
Infrastruktur und Nutzungsraten
China verfügt über ein dichtes Netz an TCM-Einrichtungen. 2015 gab es 3.966 TCM-Krankenhäuser (einschließlich ethnischer und integrierter Medizin), 42.528 TCM-Kliniken und rund 452.000 TCM-Ärzte und -Assistenten. Die Einrichtungen verzeichneten 910 Millionen ambulante Besuche und 26,9 Millionen stationäre Behandlungen. Bis 2024 wuchs die Branche der TCM-Krankenhäuser auf einen Umsatz von geschätzt 89,1 Milliarden US-Dollar.
Eine Meta-Analyse von 33 Studien mit über 41.000 Teilnehmern (Stand 2026) ergab eine gepoolte Nutzungsrate von TCM-Diensten von 41 % (95 %-KI: 32–52 %). Die Rate blieb über die Zeit stabil (vor/nach 2020 jeweils ca. 41 %). Höhere Nutzung zeigen ältere Menschen (>60 Jahre, OR 1,93), Personen mit höherer Bildung, solche mit TCM-Vertrauen (OR 5,18) oder schlechtem Gesundheitszustand sowie Bewohner mit guter Zugänglichkeit zu Gemeindezentren. Regional gibt es starke Unterschiede: Nordwestchina bis 85 %, Süd- und Festlandchina nur ca. 16 %.
Bei Patienten mit chronischen Erkrankungen lag die Nutzungsrate 2025 bei 49 %; am häufigsten wurden chinesische Kräuter (73 %), Schröpfen (37 %) und Akupunktur/Massage eingesetzt.
Wissenschaftliche Evidenz und Evidenzbasierung
Die chinesische Regierung und die National Medical Products Administration (NMPA) forcieren seit Jahren eine evidenzbasierte Modernisierung der TCM. 2026 wurden neue Vorschriften für toxische TCM-Injektionen erlassen, die strengere Sicherheits- und Wirksamkeitsnachweise verlangen. Etwa ein Drittel der bestehenden Injektionen erfüllt die Kriterien wahrscheinlich bereits; für andere sind zusätzliche randomisierte Studien vorgeschrieben.
Während viele TCM-Anwendungen auf traditioneller Erfahrung beruhen, gibt es wachsende klinische Daten. Eine WHO-Expertengruppe bewertete 2022 TCM-Präparate bei COVID-19 als vielversprechend für leichte bis mittelschwere Fälle: Sie könnten das Fortschreiten zu schweren Verläufen reduzieren, die Virenausscheidung verkürzen und die Symptomlinderung sowie Krankenhausverweildauer verbessern – als Ergänzung zur konventionellen Therapie. In China wurden über 90 % der COVID-19-Patienten mit TCM behandelt; offizielle Berichte sprachen von hohen Wirksamkeitsraten bei Symptomlinderung.
Weitere Studien deuten auf Vorteile bei chronischen Erkrankungen, Krebsbegleitung und Schlaganfallrehabilitation hin. Dennoch fordern Experten weiterhin große randomisierte, kontrollierte Studien und eine klare Abgrenzung von Placebo-Effekten. Die Integration von TCM in die ICD-11 der WHO (2019) markiert eine internationale Anerkennung, geht jedoch mit der Forderung nach rigoroser Prüfung einher.
Wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung
Die TCM-Industrie ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. 2015 betrug der Output der TCM-Pharmaindustrie 786,6 Milliarden RMB – rund 28,55 % der gesamten Pharmabranche. Die Ausfuhren chinesischer Arzneimittel erreichten 3,72 Milliarden US-Dollar. Neuere Schätzungen sehen den globalen TCM-Markt 2026 bei über 90 Milliarden US-Dollar, mit China als dominierendem Produzenten und Verbraucher.
TCM-Einrichtungen sind kosteneffizient: Ambulante und stationäre Kosten in öffentlichen TCM-Krankenhäusern lagen 2015 um 11,5 % bzw. 24 % niedriger als in Allgemeinkrankenhäusern. Der Anteil der TCM an den nationalen Gesundheitsdienstleistungen stieg von 14,3 % (2009) auf 15,7 % (2015).
Herausforderungen und Ausblick
Trotz Erfolgen bestehen Ungleichheiten: Die Entwicklung ist regional unausgewogen („Osten stark, Westen schwach“). Es gibt anhaltende Debatten um Standardisierung, Qualitätssicherung und die wissenschaftliche Absicherung einzelner Präparate. Die Regierung reagiert mit strengen Regulierungen zu toxischen Stoffen, Digitalisierung und internationaler Normierung.
Zusammenfassend ist die TCM in China weit mehr als Tradition: Sie ist integraler Bestandteil eines hybriden Gesundheitssystems, das Prävention, Kosteneffizienz und kulturelle Identität betont. Durch staatliche Förderung, wachsende Evidenzbasierung und technologische Modernisierung wird sie voraussichtlich auch künftig eine zentrale Rolle spielen – sowohl für die Gesundheit von über einer Milliarde Menschen als auch für die globale TCM-Forschung und -Wirtschaft. Die weitere Entwicklung hängt entscheidend davon ab, wie erfolgreich die Brücke zwischen alter Weisheit und moderner, evidenzbasierter Medizin geschlagen wird.

