Editorial. Die Zahlen sind nüchtern und unbestechlich. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in aktuellen Umfragen bei rund 41 bis 43 Prozent. Das ist kein Randphänomen mehr, sondern die Größenordnung, die Volksparteien unter Helmut Schmidt oder Helmut Kohl für selbstverständlich hielten. CDU, SPD und die übrigen Parteien bewegen sich weit darunter. Die Landtagswahl am 6. September 2026 wird entscheiden, ob diese Umfragen Realität werden. Ulrich Siegmund ist der Spitzenkandidat. Er könnte der erste Ministerpräsident der AfD in Deutschland werden.
Man muss die AfD nicht wählen. Man muss ihre Programmatik, ihre Personalien und die Einstufung des Landesverbands Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch durch den Verfassungsschutz nicht teilen. Man muss Siegmunds Teilnahme am Potsdamer Treffen 2023 und die damit verbundenen Debatten nicht gutheißen. Aber man muss als Demokrat die Ergebnisse akzeptieren, die aus freien Wahlen hervorgehen. Alles andere wäre die schleichende Aushöhlung des zentralen demokratischen Prinzips: Die Mehrheit entscheidet, und die unterlegenen Kräfte respektieren das Ergebnis, auch wenn es ihnen nicht passt.
Eine Brandmauer, die eine Partei mit 40-Prozent-Zustimmung dauerhaft von der Regierungsverantwortung ausschließt, mag moralisch begründet werden. Demokratietheoretisch ist sie prekär. Sie signalisiert den Wählern, dass ihre Stimme nur zählt, solange sie im erwünschten Spektrum bleibt. In einem Bundesland, das zur DDR gehörte und in dem das Misstrauen gegenüber „denen da oben“ ohnehin tiefer sitzt als im Westen, kann das fatale Folgen haben. Die Wahrnehmung, dass demokratische Mehrheiten ignoriert oder durch Allparteien-Koalitionen umgangen werden, nährt genau die Entfremdung, aus der die AfD ihre Stärke bezieht. Unruhen sind keine automatische Folge – aber die Legitimitätskrise wäre real.
Deshalb muss Siegmund, falls die AfD die absolute Mehrheit oder eine stabile Regierungsfähigkeit erreicht, Ministerpräsident werden. Nicht aus Sympathie, sondern aus demokratischer Konsequenz. Er muss regieren, damit die Behauptungen der Partei an der Wirklichkeit gemessen werden können. Migration, soziale Gerechtigkeit, innere Sicherheit – das sind die Themen, mit denen die AfD mobilisiert. Eine Regierung unter Siegmund wäre der Test, ob diese Forderungen administrierbar sind oder rhetorische Leerformeln bleiben. Der Wähler hat Anspruch darauf, zu sehen, was aus den Versprechen wird, wenn sie auf Behörden, Haushalte, Gerichte und den Föderalismus treffen.
Schafft Siegmund es bis zur nächsten Bundestagswahl nicht, die Erwartungen auch nur ansatzweise zu erfüllen, wird er nicht nur der erste, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der letzte AfD-Regierungschef auf Landesebene bleiben. Scheitern in der Verantwortung ist der wirksamste Gegner jeder Populismus-Erzählung. Erfolg dagegen würde die politische Landschaft dauerhaft verändern. Beides ist möglich. Beides muss man aushalten, wenn man Demokratie ernst nimmt.
Die Alternative – systematische Nicht-Anerkennung eines starken Wahlergebnisses – wäre der eigentliche Angriff auf die demokratische Ordnung. Sie würde die AfD nicht schwächen, sondern als Opfer einer undemokratischen Elite bestätigen. Ulrich Siegmund wird Ministerpräsident, weil die Wähler es so wollen und weil Demokratie bedeutet, dieses Wollen zu akzeptieren – auch und gerade dann, wenn es unbequem ist.

