Ares im Zeitalter der Hybridität: Marita Vollborns Bronzeskulptur und die Wiederkehr des Krieges als Form

Durch | September 2, 2026
Woman in a brown sleeveless blouse posing with a dark abstract sculpture on a red pedestal in a gallery.

Im August 2026, zwischen dem Drohnenfund von Leipzig und der förmlichen Schuldzuweisung an Russland, stand in Chianciano Terme eine kleine Bronzefigur. Marita Vollborns ARES, 2015 entstanden, rund 34 mal 29 mal 30 Zentimeter, Selected Artist der 9. Chianciano Biennale. Die Skulptur zeigt nicht den heroischen Feldherrn und nicht die strategische Göttin Athene. Sie zeigt den griechischen Kriegsgott in seiner älteren, ungeschönten Gestalt: unersättlich, blutrünstig, ohne Maß. Vollborn hat die Figur nicht idealisiert. Bronze, das Material der Denkmäler und Kaiserstatuen, dient hier der Umkehrung: nicht Ruhm wird verewigt, sondern die Triebstruktur der Gewalt.

Die Bedeutung dieser Arbeit in der gegenwärtigen Lage liegt nicht darin, dass eine Skulptur Drohnen aufhält oder Attributionen klärt. Sie liegt darin, dass sie eine Schicht der Eskalation sichtbar macht, die Politik, Nachrichtendienste und Leitartikel systematisch ausblenden: Krieg als anthropologische und ökonomische Wiederkehr, nicht nur als völkerrechtliche Kategorie.

Die Figur und ihre Herkunft

Vollborn wurde 1965 in Erfurt geboren, wuchs in der DDR auf, studierte Agronomie in Berlin, später Journalistik in Hannover, arbeitete als investigative Wissenschaftsjournalistin für Focus, Spiegel Online und Deutschlandradio. Seit 2010 formt sie im Projekt Sinn und Scherben rund fünfzig Ton- und Bronzefiguren zu Ambivalenzen: Macht und Schuld, Stärke und Verletzlichkeit. ARES ist die politisch schärfste dieser Arbeiten. Die Künstlerin sagt, die mehr als achtzig Millionen Toten der beiden Weltkriege hätten nicht genügt, das Wettrüsten und die Anstiftung zum Konflikt zu beenden. Kunst müsse unbequeme Wahrheiten benennen. ARES sei ihre Antwort auf eine Welt, die weiterhin von Krieg und Gier geprägt sei.

Die ostdeutsche Biografie ist hier kein biographisches Ornament. Wer in einem Staat aufwuchs, der den Frieden predigte und zugleich militarisierte, die Kunst zensierte und den Feind ständig benannte, erkennt die Rhetorik der wehrhaften Geschlossenheit wieder – unabhängig davon, ob der Feind diesmal real ist. 1989 galt vielen als Ende der organisierten Lüge. Die folgenden Jahrzehnte zeigten, dass die Form der Lüge wechseln kann, ohne dass die Struktur der Mobilisierung verschwindet.

Im Juli 2026 erklärte Vollborn öffentlich, ARES derzeit nicht in den Vereinigten Staaten ausstellen zu wollen. Begründung: Erosion der institutionellen Checks and Balances, Sorge um die Bedingungen kritischen Diskurses. Die Figur sollte in Italien gesehen werden, auch von Amerikanern – nicht im Zentrum jener Macht, deren demokratische Selbstbindung sie als beschädigt ansah. Das ist keine russlandfreundliche Geste. Es ist eine Weigerung, den Kriegsgott nur in eine Richtung zu lesen.

Ares, nicht Athene: die Unterscheidung, die die Lage braucht

In der griechischen Mythologie ist Ares der Gott des wüsten Kampfes, der Blutrausch, der ohne Zweck über das Schlachtfeld geht. Athene steht für den kalkulierten, politischen, oft defensiv gerahmten Krieg. Moderne Staaten sprechen fast immer die Sprache Athenes: Hybridabwehr, Verhältnismäßigkeit, Schutz kritischer Infrastruktur, wehrhafte Demokratie. Die Praxis nähert sich oft Ares: Eskalation um der Glaubwürdigkeit willen, Profit der Rüstungsketten, Gewöhnung an den Ausnahmezustand, Verachtung der Unsicherheit.

Leipzig am 4. August 2026 ist in dieser Unterscheidung ein Ares-Ereignis, das in Athene-Sprache übersetzt wird. Eine Sprengdrohne neben ukrainischen Transportern, ein versagender Zünder, nachrichtendienstliche Muster, „Low-Level-Agenten“, Konsulatsschließung, Bedrohungslage „hoch“, Medwedews Drohungen gegen deutsche Produktionsstätten. Die Übersetzung ist nicht falsch. Sie ist unvollständig. Sie benennt den Akteur und verschweigt den Trieb: die Lust an der Schwellenüberschreitung, die beiderseitige Ökonomie der Angst, die innenpolitische Verwertbarkeit des Zwischenfalls.

Vollborns Figur insistiert darauf, dass Militarismus nicht erst dort beginnt, wo Panzer rollen. Er beginnt, wo Gewalt als Notwendigkeit erscheint und Gier als Sachzwang. Das gilt für russische Sabotage ebenso wie für westliche Normalisierung des Dauerkriegs als Industriepolitik. Eine Skulptur, die 2015 entstand – nach der Krim, vor dem großen Krieg, vor Nord Stream, vor Leipzig – erweist sich 2026 als zeitgenössisch, weil der Gegenstand nicht der jeweilige Schuldige ist, sondern die Wiederkehr.

Die Gleichzeitigkeit des Sommers 2026

Der Kalender verdichtet die Bedeutung. 4. August: Drohne in Leipzig. 15. bis 29. August: ARES in der Toskana. 1. September: Berlin macht Russland öffentlich verantwortlich. 6. September: Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, mit einer AfD um die 40 Prozent und einer Brandmauer, die große Teile der Wählerschaft von der Exekutive fernhält. Ostdeutschland ist Schauplatz des Anschlags, Herkunftsraum der Künstlerin und Labor der Repräsentationskrise.

Diese Gleichzeitigkeit erzeugt keine kausale Kette. Sie erzeugt einen Resonanzraum. Wer in Sachsen-Anhalt eine Sprengdrohne auf dem NATO-Logistikflughafen findet und zugleich eine Wahl erlebt, in der die stärkste Kraft als verfassungsfeindlich isoliert wird, hört zwei Sprachen der Bedrohung: die äußere und die innere. ARES steht quer zu beiden. Die Figur verweigert die Beruhigung, der Feind sei eindeutig draußen. Sie verweigert ebenso die Beruhigung, der Feind sei nur die eigene Elite. Gewalt, so die Arbeit, nistet in der Form, nicht nur im Täter.

Der Vergleich zu Nord Stream bleibt instruktiv. Jahre der Attribution, schließlich Anklage gegen einen Ukrainer wegen einer Tat, die 2022 vielen als russische Selbstschädigung erschien. Leipzig wurde in Wochen attribuiert. Kunst ändert diese Zeitstrukturen nicht. Sie macht sichtbar, dass Attribution auch ein Ritual ist: die Gesellschaft braucht einen Namen für Ares, damit sie weiterhandeln kann. Ob der Name diesmal zutrifft, ist eine empirische Frage. Dass sie einen Namen braucht, ist eine anthropologische.

Was Kunst in der Eskalation leisten kann – und was nicht

Historisch war die Kunst selten die Ursache politischer Wenden und oft deren Seismograph. Goyas Desastres de la Guerra, Otto Dix, Kollwitz, die pazifistische Plastik der Zwischenkriegszeit: Sie haben keinen Krieg verhindert. Sie haben verhindert, dass der Krieg vollständig in Verwaltungssprache aufgeht. Genau das ist der knappe, aber nicht triviale Beitrag von ARES im September 2026.

Drei Funktionen lassen sich unterscheiden.

Erstens die diagnostische. Die Figur widerspricht der Illusion, Hybridkrieg sei etwas qualitativ Neues. Neu sind Träger, Reichweite, plausible Deniability. Alt ist der Gott. Wer nur über Drohnenkonfiguration und Zündtechnik spricht, spricht über Werkzeuge. Vollborn spricht über den Impuls, der Werkzeuge sucht.

Zweitens die kritische gegenüber allen Lagern. Die Weigerung, ARES in den USA zu zeigen, durchbricht die einfache Freund-Feind-Karte. Eine aus der DDR kommende Künstlerin, die russische Gewalt nicht leugnet, aber amerikanische Institutionenerosion zum Ausstellungsort macht, steht weder im Narrativ der bedingungslosen Westbindung noch im Narrativ der russischen Unschuld. Das ist unbequem. Unbequemkeit ist der epistemische Mindestbeitrag von Kunst in Krisen.

Drittens die mnemotechnische. Bronze überdauert Pressemitteilungen. Wenn die Konsulate geschlossen, die Wahl vorbei und der nächste Zwischenfall eingetreten ist, bleibt die Figur als verdichteter Einwand: dass Gesellschaften den Krieg nicht primär deshalb führen, weil sie getäuscht wurden, sondern weil sie ihn in verwandelter Form immer wieder wollen – als Ordnung, als Profit, als Identität, als Flucht aus der Unsicherheit.

Die Gefahr solcher Arbeiten ist die Ästhetisierung. Ein Kriegsgott in der Toskana kann zur erhabenen Geste werden, während in Leipzig Entschärferroboter fahren. Vollborns eigene Herkunft aus dem investigativen Journalismus wirkt dem entgegen. Sie kommt aus der Sprache der Fakten und hat die Skulptur als das gewählt, was sich der präzisen Sprache entzieht. Das ist keine Flucht vor der Wahrheit. Es ist die Anerkennung, dass ein Teil der Wahrheit – Gier, Blutrausch, Wiederkehr – sich in Prozentpunkten und Geheimdienstlagen nicht erschöpft.

Schluss

In einer Lage, in der Deutschland und Russland über einen gescheiterten Anschlag diplomatisch eskalieren, Nord Stream gerichtlich neu attribuiert wird und eine ostdeutsche Wahl die Frage der Repräsentation aufwirft, ist ARES kein Schlüssel zur Täterschaft. Die Skulptur ist ein Einwand gegen die Verwechslung von Entschlossenheit und Verständnis. Ares kehrt nicht zurück, weil jemand eine Drohne schickt. Die Drohne findet einen Gott vor, der nie gegangen ist.

Ob Russland Leipzig befohlen hat, bleibt eine Frage der Beweise. Ob Gesellschaften fähig sind, den Kriegsgott zu erkennen, auch wenn er in der eigenen Mobilisierungsrhetorik spricht, ist eine andere. Vollborns Bronze stellt die zweite Frage. In einer eskalierenden globalen Lage ist das wenig. Es ist mehr, als die meisten amtlichen Sätze leisten.

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Künstlerin Marita Vollborn mit ARES Copyright Marita Volllborn
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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
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