Forschung am Campus Weihenstephan verbindet Tierwohl mit landwirtschaftlicher Praxis

Durch | Oktober 1, 2026
Übliche Putenhaltung auf engstem Raum. Credits: Mark Stebnicki, pexels

Am Campus Weihenstephan der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) beschäftigen sich Prof. Dr. Dr. Eva Zeiler und Dr. Theresa Hautzinger von der Fakultät Nachhaltige Agrar- und Energiesysteme seit mehreren Jahren mit dem Thema Tierwohl. In Forschungsprojekten untersuchen sie Formen der Kälberaufzucht, Methoden zur Bewertung des Wohlbefindens von Nutztieren und Wege, ökologische und ökonomische Anforderungen miteinander zu verbinden.

Übliche Putenhaltung auf engstem Raum. Credits: Mark Stebnicki, pexels
Übliche Putenhaltung auf engstem Raum Credits Mark Stebnicki pexels

Lange standen in der Nutztierforschung vor allem Gesundheit, Fütterung und Leistungsfähigkeit im Vordergrund. Heute rücken auch Sozialverhalten, Bindungen zwischen Tieren, die Haltungsumwelt und die Gestaltung landwirtschaftlicher Systeme stärker in den Blick. Tierwohl wird dabei nicht allein als Zustand verstanden, sondern als Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Dr. Theresa Hautzinger betont, dass neben gut messbaren Parametern der Tiergesundheit weitere Aspekte zählen. Am Beispiel der kuhgebundenen Kälberaufzucht werde das deutlich: Die Gesundheit der Kälber könne auch in herkömmlichen Systemen mit Tränkeeimer oder -automat gut gesichert werden. Natürliches Säuge- und Sozialverhalten könnten Kühe und Kälber jedoch nur in kuhgebundenen Systemen ausleben. Zugleich sei dort die Kolostrum- und Tränkeversorgung anspruchsvoller. Tiergesundheit und Tierwohl sollten daher ineinandergreifen.

Im Projekt „mehrWERT Öko-Milch + Fleisch“ betrachteten die Forschenden Tierwohl als Teil eines größeren Systems. Mit dem Ausbau der ökologischen Milchproduktion stellt sich die Frage, wie Kälber, insbesondere männliche Tiere, in regionale Wertschöpfungsketten eingebunden werden können. Untersucht wurden Vermarktungswege, betriebliche Herausforderungen und alternative Haltungsformen wie die kuhgebundene Kälberaufzucht, bei der Kuh und Kalb länger zusammenbleiben. Für Betriebe bedeutet das veränderte Arbeitsabläufe, neue Managemententscheidungen und andere Vermarktungswege. Das Projekt zeigt, dass tiergerechte Lösungen dauerhaft tragfähige Strukturen brauchen.

Im Verbundprojekt „KuKIndiTM“ von HSWT und Technischer Universität München ging es um wissenschaftlich belastbare Indikatoren für Tierwohl und Milchmengen in der kuhgebundenen Kälberaufzucht auf Milchviehbetrieben in Süddeutschland. Die Forschenden dokumentierten Sozialkontakte, Aktivitätsmuster und die Entwicklung der Tiere und verbanden klassische Beobachtung mit Sensordaten. Ein Landwirt beschrieb seine Erfahrung so: „Die Kälber sollten ihr natürliches Verhalten ausleben dürfen. In der Vergangenheit kamen sie oft zu kurz. Die kuhgebundene Kälberaufzucht ist das beste Verfahren, um Kühen und Kälbern gerecht zu werden.“ Bei diesem Verfahren bleiben Kuh und Kalb nach Richtlinien der Interessengemeinschaft kuhgebundene Kälberaufzucht mindestens 90 Tage zusammen; das Kalb trinkt am Euter der Mutter oder einer Ammenkuh.

Das Projekt „OptiBioRind“ richtet den Blick auf nachhaltige Konzepte für die ökologische Rindermast auf bayerischen Grünlandstandorten. Grünland spielt für Biodiversität, Wasserhaushalt, Kulturlandschaft und wiederkäuergerechte Fütterung eine wichtige Rolle; auch Ackergrünland und Nebenprodukte können Kreisläufe schließen. Untersucht wird, welche Ansätze unter unterschiedlichen regionalen und betrieblichen Bedingungen funktionieren und wie Tierwohl, Ressourceneffizienz und Wirtschaftlichkeit gemeinsam gedacht werden können. Prof. Dr. Dr. Eva Zeiler sagt: „Aus tierärztlicher Sicht ist jedes Haltungssystem erfolgreich, das Tieren ermöglicht, gesund zu bleiben und ihr natürliches Verhalten auszuleben. Mit dem Projekt wollen wir Wege aufzeigen, wie regionale Wertschöpfung, Grünlandnutzung und ein hohes Maß an Tierwohl erfolgreich miteinander verbunden werden können.“

Die Vorhaben kommen zu dem Schluss, dass sich Tierwohl weder auf Stallgrößen noch auf Gesundheitsdaten allein reduzieren lässt. Es entsteht aus Beziehungen zwischen Kuh und Kalb, Tier und Umwelt sowie landwirtschaftlicher Praxis und gesellschaftlichen Erwartungen.

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