Auf der Kampagnenseite „Gips – die Chance für den Südharz“ treten Knauf und CASEA als Partner der Region auf. „Der Südharz trägt Deutschland“, heißt es dort, und die Seite beschreibt sich als Initiative „für Sport, Tourismus und Bildung“. Hervorgehoben sind zwei Zahlen: 150 Millionen Euro Wertschöpfung pro Jahr „für die Region Südharz“ und 1.600 Arbeitsplätze, „gesichert durch die Gipsindustrie in der Region“. Ein Abgleich mit den Studien, auf die sich die Branche stützt, zeigt deutliche Abweichungen.
Die Zahl 1.600 stammt aus einer Studie des kommerziellen Beratungsunternehmens DIW Econ. Der Verband selbst fasste das Ergebnis so zusammen: Die Unternehmen der Gipsindustrie im Südharz sicherten 2020 „deutschlandweit über 1.600 Arbeitsplätze“, genau 1.602. Auf der Kampagnenseite https://naturgips-in-deutschland.de/ allerdings ist daraus „in der Region“ geworden.
Ähnlich verhält es sich mit den Angaben zur Wertschöpfung: Die Südharz-Studie beziffert sie für 2020 auf 107,5 Millionen Euro – für ganz Deutschland. Schon die erste Fassung der Studie stellte fest, dass davon nur gut die Hälfte in der Region selbst ankommt. Die behaupteten 150 Millionen Euro Wertschöpfung, die die Kampagne „für die Region Südharz“ angibt, finden sich in der Studie nicht.
Hinzu kommt, dass sämtliche verfügbaren Zahlen von der Branche selbst stammen. Die DIW-Econ-Studien entstanden im Auftrag des Bundesverbands der Gipsindustrie. Eine unabhängige, vom Land Niedersachsen beauftragte Erhebung darüber, wie viele Arbeitsplätze in Niedersachsen am Abbau im Gipskarst tatsächlich abhängig sind, ist nicht bekannt. Das niedersächsische Wirtschaftsministerium nennt zwar elf Unternehmen mit etwa 750 direkt Beschäftigten im ganzen Land. Jedoch ist unklar, woher diese Zahl stammt.
Die Diskrepanz zwischen dem, was die Region Südharz vom Naturgipsabbau hat und inwiefern die Konzerne profitieren, wird durch einen Blick in die Bilanzen der einzelnen Unternehmen offensichtlich. Die Knauf-Gruppe aus Iphofen, komplett in Familienbesitz, setzte 2024 insgesamt 15,55 Milliarden Euro um. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen betrug 2,39 Milliarden Euro, der Konzernjahresüberschuss 857 Millionen Euro. 72 Prozent des Gesamtumsatzes generierte Knauf mit Gips. Der französische Saint-Gobain-Konzern wiederum, zu dem das Werk in Walkenried gehört, meldete für 2024 einen Umsatz von 46,6 Milliarden Euro und ein bereinigtes Nettoergebnis von 3,47 Milliarden Euro. Damit war allein der Jahresüberschuss von Knauf im Jahr 2024 gut sechzehnmal so hoch wie die Wertschöpfung von 51,6 Millionen Euro, die der Südharz-Region zugute kommt.
Auch zur Landschaftszerstörung nimmt die Kampagne Stellung. Gipsabbau sei „nur ein temporärer Eingriff in die Natur“, wird behauptet, ehemalige Steinbrüche entwickelten sich „schnell zu wertvollen Biotopen“. Der Fachausschuss der Umweltministerkonferenz kommt zu einem anderen Befund. Die Arten- und Lebensgemeinschaften des Gipskarsts seien über sehr lange Zeiträume entstanden und durch Ausgleichsmaßnahmen „nicht ersetzbar“, urteilt er. Die Besonderheiten der Karstlandschaft gingen beim Abbau „unwiederbringlich verloren“.
Auch das Argument der Gipsindustrie, der Abbau sichere die Zukunft, trägt nicht. Nach Berechnungen des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie im Jahr 2021 reichten die genehmigten Vorräte in Niedersachsen für Baugips noch etwa acht bis 16 Jahre, für Spezialgips etwa elf bis 22 Jahre. Danach entfallen entweder die Arbeitsplätze in den Tagebauen, oder es muss weitere Karstlandschaft in Anspruch genommen werden. In beiden Fällen bleibt der Abbau an endliche Lagerstätten gebunden.
Was ein Schutz wirtschaftlich bewirken kann, zeigen andere Regionen. In Sachsen-Anhalt, dem einzigen Bundesland des sich über drei Bundesländer erstreckenden Gipskarsts, steht die Landschaft seit 2009 als Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz unter Schutz. Die Würzburger Forschungsgruppe um den Geographen Hubert Job ermittelte dort im Auftrag des Bundesamts für Naturschutz 227.500 Besuchstage im Jahr und 9,2 Millionen Euro Bruttoumsatz, genug für das Einkommen von rechnerisch 257 Menschen. Nur zwei Prozent der Gäste kommen ausdrücklich wegen des Reservats. Anders in der Rhön, die seit 1991 von der UNESCO anerkannt ist. Dort zählte dieselbe Studie 6,37 Millionen Besuchstage, 220 Millionen Euro Umsatz und Einkommen für rechnerisch 3.953 Menschen. Knapp 14 Prozent der Gäste kommen gezielt wegen des Schutzgebiets. Auch Sachsen-Anhalt will den Gipskarst als UNESCO-Welterbe anmelden, was die Besucherzahlen dank entsprechender internationaler Werbung deutlich ankurbeln dürfte.
Eine Modellrechnung von Pugnalom belegt das Potenzial des Gipskarstes allein für die Region in Niedersachsen; zugrunde gelegt ist eine Fläche von 25.000 Hektar und das Einkommensniveau im Landkreis Göttingen. Erreicht das geschützte Gebiet hier die Besucherdichte des Thüringer Waldes oder der Rhön, sind rund 710.000 bis 860.000 Besuchstage im Jahr zu erwarten. Das entspricht einer Wertschöpfung von 15 bis 18 Millionen Euro und Einkommen für rechnerisch 550 bis 700 Menschen. Bei einem jährlichen Wachstum von ein bis zwei Prozent kämen über drei Jahrzehnte 510 bis 720 Millionen Euro zusammen. Während also der Abbau mit der endgültigen Zerstörung des Gipskarsts und der Erschöpfung der Lagerstätten einhergeht, kann eine geschützte Landschaft über Generationen Einnahmen generieren, die der ohnehin strukturschwachen Region erhebliche und langfristige Vorteile garantieren. Dass die touristische Nachfrage wächst, zeigt der Harz. Nach Angaben des Harzer Tourismusverbands stieg die Zahl der Tagesgäste von 2014 bis 2019 um gut 50 Prozent, der touristische Bruttoumsatz um 34 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro.
Die Gipsindustrie verweist darauf, dass mit dem Kohleausstieg der Gips aus Kraftwerken wegfällt und Naturgips deshalb unverzichtbar würde; die niedersächsische Landesregierung bekräftigt, dass Spezialgipsprodukte nach derzeitigem Stand der Technik „fast ausschließlich Naturgips“ eingesetzt werden könne. Rund 85 bis 88 % des in Niedersachsen verbrauchten Gipses werden allerdings nicht in Spezialgipsen wie Dentalerzeugnissen, Keramikformen oder in der Pharmazie eingesetzt, sondern in Baugips und Zement.
Ein Gutachten im Auftrag des BUND hält einen Ausstieg aus Naturgips durch Recycling und chemisch gewonnene Gipse bis spätestens 2045 für möglich. Wie viel Gips derzeit wiederverwertet wird, beantworten die Quellen unterschiedlich. Der Monitoringbericht der Initiative Kreislaufwirtschaft Bau weist für Bauabfälle auf Gipsbasis im Jahr 2022 eine Recyclingquote von null Prozent aus. Der Bundesverband der Gipsindustrie gibt an, dass 2024 von 578.600 Tonnen statistisch erfasster Gipsabfälle rund 128.500 Tonnen zu Recyclinggips verarbeitet wurden, etwa 22 Prozent. Die Angaben beziehen sich auf unterschiedliche Jahre und Abgrenzungen. Der Verband selbst bezeichnet Gips als „rein stofflich betrachtet unendlich recycelbar“.
Mit dem Boom des Trockenbaus ist der Gipsverbrauch stark gewachsen. Während Deutschland in den 1970er- und 1980er-Jahren rund vier Millionen Tonnen Gips im Jahr verbrauchte, sind es heute mehr als zehn Millionen, fasst das Umweltbundesamt (UBA) zusammen. Allein für Gipsplatten werden jährlich etwa drei Millionen Tonnen verarbeitet.
Eine Studie des Baustoffverbands bbs erwartet, dass der Bedarf an Naturgips unter den derzeitigen Rahmenbedingungen bis 2045 um bis zu 51,7 Prozent auf 8,8 Millionen Tonnen steigt. Auch das vom niedersächsischen Wirtschafts- und Umweltministerium 2025 in Auftrag gegebene Gipsgutachten des Ingenieurdienstleisters GICON Resources knüpft seine zentrale Folgerung an eine Bedingung: Ein Anstieg des Naturgipsabbaus sei nur „bei einem unveränderten Gipsbedarf“ zwingend notwendig. Ob und wie sich dieser Bedarf politisch steuern ließe, untersucht das Gutachten jedoch nicht: „Steuerungsoptionen werden in diesem Gutachten nicht vertieft“, heißt es dort, weitere Recherchen dazu werden empfohlen. Als Alternative zu neuen Abbauflächen nennen die Gutachter, den Bedarf durch Verwendung anderer Baustoffe zu senken, wofür allerdings eine „langfristige Neuausrichtung im Bau“ nötig sei. Der Fachausschuss der Umweltministerkonferenz bezeichnet den Ersatz von Gipsbaustoffen durch Holz, Naturfasern oder mineralische Baustoffe als „im Grundsatz erfolgversprechend“. Diskussionswürdig sind in diesem Zusammenhang auch die Exporte von Gips und Anhydritgestein: Allein 2023 waren das rund 750.000 Tonnen; hinzu kommt eine ähnliche Menge gebrannter Gips. Die Frage also, wie viel Naturgips künftig gebraucht wird, ist damit keine technische, sondern eine rein politische. Wer sie nicht stellt, schreibt den bisherigen Landschaftsverbrauch fort – mit allen negativen Konsequenzen für Mensch und Natur.

