
Jeden Sommer flammt in Deutschland und Mitteleuropa die immer gleiche Wespen-Hysterie auf: Medien überschlagen sich in ihrer Warnung vor aggressiven Wespen, die Picknicks und Gartenfeste stören, und die Bevölkerung reagiert mit Panik und übertriebenen Abwehrmaßnahmen. Doch wie gefährlich sind Wespen wirklich, und könnten wir tatsächlich auf diese Insektenart verzichten?
Pugnalom beleuchtet die tatsächliche und die wahrgenommene Gefahr, basierend auf wissenschaftlichen Studien aus Europa, gibt Einblick in die Lebensweise heimischer Wespenarten, die medizinischen Aspekte von Wespenstichen und die Rolle der Wespen im Naturhaushalt.

In Deutschland gibt es zwischen 630 und 700 Wespenarten; davon schätzungsweise 17 soziale Wespenarten. Die bekanntesten sozialen Arten sind die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) und die Deutsche Wespe (Vespula germanica), die aufgrund ihres Interesses an menschlicher Nahrung wie Süßgetränken oder Fleisch oft als lästig empfunden werden. Weitere Arten umfassen die Hornisse (Vespa crabro), die größte einheimische Wespenart, sowie die Haus-Feldwespe (Polistes dominula), die Mittlere Wespe (Dolichovespula media), die Sächsische Wespe (Dolichovespula saxonica), die Rote Wespe (Vespula rufa), die Waldwespe (Dolichovespula sylvestris) und die Norwegische Wespe (Dolichovespula norwegica). Darüber hinaus gibt es zahlreiche solitäre Wespenarten, wie Töpferwespen (Eumeninae) und Spinnenjäger (Pompilidae), die keine Staaten bilden. Schätzungsweise 15 Prozent sämtlicher in Deutschland heimischen Wespenarten zeigen die für die Bevölkerung typisch gelb-schwarze Warnfärbung – also rund 95 Arten.
Die Lebensweise der sozialen Wespen ist geprägt von einem einjährigen Zyklus: Im Frühjahr gründen Königinnen neue Nester, die aus zerkautem Holz und Speichel gefertigt werden. Diese Nester befinden sich oft in dunklen, geschützten Orten wie Dachböden, Rolladenkästen oder unterirdischen Hohlräumen (Vespula-Arten). Feldwespen wie die Haus-Feldwespe bauen kleinere, offene Waben an sonnigen Standorten. Wespen ernähren ihre Larven mit Insekten oder Spinnen, während adulte Wespen – quasi als „Flugbenzin“ – vor allem Nektar oder zuckerhaltige Substanzen konsumieren, daneben Pflanzensäfte und zerkaute Insektenanteile. Nur die Gemeine (von „allgemein“ oder „schlicht“, nicht von „widerwärtig“ oder „bösartig“) und die Deutsche Wespe zeigen ein starkes Interesse an menschlicher Nahrung, was sie in Konflikt mit Menschen bringt. Andere Arten wie Hornissen oder Feldwespen meiden im Vergleich dazu menschliche Nahrung.
Reelle versus tatsächliche Gefahr
Die öffentliche Wahrnehmung von Wespen als aggressive Plagegeister steht in starkem Kontrast zur tatsächlichen Gefahr. Studien zeigen, dass Wespen nur dann stechen, wenn sie sich oder ihr Nest bedroht fühlen. Hektisches Um-sich-Schlagen oder gar das Zerstören von Nestern erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Stichs. Und selbst ein Stich ist zwar schmerzhaft, aber für den Großteil der Bevölkerung harmlos.
Medizinisch unterscheiden sich die Folgen eines Wespenstichs nämlich deutlich in punkto Schmerz und allergische Reaktionen. Ein Wespenstich verursacht in der Regel lokalen Schmerz, Rötungen und Schwellungen, die nach wenigen Tagen abklingen. Diese Symptome sind misslich, aber für Nicht-Allergiker ungefährlich. Eine allergische Reaktion ist dagegen etwas ganz anderes. In etwa reagieren zwischen einem und drei Prozent der Deutschen tatsächlich allergisch auf einen Insektenstich, einschließlich den Stich einer Wespe. Das entspricht etwa einer bis drei Millionen Menschen. Über die Jahre sterben zwischen 10 und 30 Menschen an anaphylaktischen Reaktionen infolge von Insektenstichen. Die Gefahr, an einem Insektenstich zu sterben, ist also extrem gering: Selbst bei 30 Todesfällen pro Jahr liegt das Risiko bei rund 1 zu 2,8 Millionen). Hinzu kommt, dass der anaphylaktische Schock die Todesursache ist – eine Überreaktion des Immunsystems, die ausschließlich Allergiker gefährdet. Für Nicht-Allergiker ist die Wahrscheinlich, an einem Insektenstich zu sterben, nahezu Null. Die weitverbreitete Angst vor Wespen resultiert daher häufig aus der Verwechslung von normalem Schmerz mit einer potenziell lebensbedrohlichen Allergie. Übrigens: Hornissenstiche sind besonders selten tödlich, da laut Statistischem Bundesamt in den letzten 50 Jahren kein einziger Todesfall durch Hornissenstiche verzeichnet wurde.
Rückgang der Insektenvielfalt und Wespenpopulationen
Der dramatische Rückgang der Insektenvielfalt in Europa ist wissenschaftlich gut dokumentiert. Eine Langzeitstudie des Entomologischen Vereins Krefeld aus 2017 zeigte, dass die Biomasse fliegender Insekten in deutschen Naturschutzgebieten in den letzten 30 Jahren um etwa 75 Prozent zurückgegangen ist. Wespen sind von diesem Rückgang ebenfalls betroffen, obwohl spezifische Zahlen zu Wespenpopulationen rar sind. Eine Studie aus Großbritannien aus 2020 berichtet von einem Rückgang der Sichtungen sozialer Wespenarten um etwa 50 Prozent in den letzten zwei Jahrzehnten, was auf Habitatverlust, Pestizideinsatz und Klimaveränderungen zurückgeführt wird. In Deutschland deuten Beobachtungen darauf hin, dass insbesondere die Gemeine und Deutsche Wespe in manchen Regionen deutlich seltener geworden sind, während invasive Arten zunehmen. Dieser Rückgang ist besorgniserregend, da Wespen eine zentrale Rolle im Ökosystem spielen.
Ökologischer Wert von Wespen
Wespen sind unverzichtbare Akteure in Ökosystemen. Eine Meta-Studie, die über 500 wissenschaftliche Arbeiten auswertete, unterstreicht ihre Bedeutung als natürliche Schädlingsbekämpfer, Bestäuber und Teil der Nahrungskette.
Wespen jagen Insekten und deren Larvenstadien, insbesondere, um ihre Brut mit Protein zu versorgen. So kann eine einzelne Wespenkolonie jeden Tag bis zu 2.000 Insekten erbeuten. Zu ihrem Beutespektrum zählen auch solche Arten, die Schäden an Kulturpflanzen anrichten können wie Blattläuse, bestimmte Zikaden und Wanzen, Erdflöhe, Kohlwurzelfliegen, Kirschessig- und Fruchtfliegen. Zudem tragen viele Arten – auch die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe – dank ihrer Suche nach Nektar zur Bestäubung von Pflanzen bei. Wespen sind darüber hinaus eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel und andere Insektenfresser.
Ihr Beitrag zur Zersetzung organischen Materials unterstützt das ökologische Gleichgewicht. Auch Gemeine und Deutsche Wespe nutzen organische Abfälle wie Fallobst, Kadaver und andere Materialien, um ihre Kolonien zu ernähren. Sie sammeln beispielsweise überreife Früchte oder Fleischreste, die sie zerkauen und an ihre Larven verfüttern. So kann eine einzelne Wespenkolonie pro Saison bis zu einem Kilogramm organische Abfälle abbauen, wodurch die Ansammlung von totem Material reduziert wird. Dies beschleunigt die Zersetzung und stellt Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor für Bodenmikroorganismen und Pflanzen bereit. In landwirtschaftlichen Systemen führt das zu einer verbesserten Bodenqualität, was das Wachstum von Kulturpflanzen unterstützt und die Abhängigkeit von synthetischen Düngemitteln reduzieren kann. Letztlich stabilisieren Wespen durch ihre Interaktionen mit anderen Organismen das ökologische Netzwerk. Ohne Wespen würde das Gleichgewicht zwischen Pflanzen, Herbivoren und Räubern erheblich gestört und die Verfügbarkeit von Nährstoffen für Pflanzen und Mikroorganismen beeinträchtigt.
Hintergrund: Vergleich von Bienen- und Wespengift
Die Toxizität eines Insektengifts hängt von seiner Zusammensetzung, der Wirkung auf den menschlichen Körper und der Menge ab, die pro Stich injiziert wird. Wir betrachten hier die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) und die Deutsche Wespe (Vespula germanica) als repräsentative Wespenarten sowie die Honigbiene (Apis mellifera) als Vergleich.
Das Gift der Biene besteht aus einer komplexen Mischung von Proteinen, Peptiden und anderen Molekülen. Hauptsächlich enthält es folgende Stoffe:
- Melittin (ca. 50 Prozent des Trockengewichts): Ein Peptid, das Zellmembranen schädigt, Hämolyse verursacht und starke Schmerzen auslöst.
- Phospholipase A2 (zehn bis 12 Prozent): Ein Enzym, das Zellmembranen abbaut und Entzündungen fördert. Es ist auch ein Hauptallergen.
- Hyaluronidase (ein bis zwei Prozent): Erleichtert die Verbreitung des Gifts im Gewebe, indem es Bindegewebe abbaut.
- Apamin (zwei bis drei Prozent): Ein Neurotoxin, das das zentrale Nervensystem beeinflussen kann.
- Mastzell-degranulierendes Peptid (MCDP) (ca. zwei Prozent): Fördert die Freisetzung von Histamin, was zu Entzündungen und allergischen Reaktionen führt.
Weitere Bestandteile sind Aminosäuren, Histamin, Dopamin und Noradrenalin in geringen Mengen. Die mittlere letale Dosis (LD50) von Bienengift liegt bei etwa 2,8 bis sechs Milligramm je Kilogramm Körpergewicht (intravenös, Mäuse), was es relativ toxisch macht. Ein Bienenstich injiziert etwa 50 bis 140 Mikrogramm Gift (je nach Studie).
Wespengift ist ebenfalls eine Mischung aus Peptiden, Enzymen und biogenen Aminen, unterscheidet sich aber in der Zusammensetzung:
- Vespakine (z. B. Vespakin-M): Peptide, die Schmerzen und Entzündungen verursachen, ähnlich wie Melittin bei Bienen.
- Phospholipase A1 (ca. sechs bis acht Prozent): Anders als die Phospholipase A2 der Bienen, aber ebenfalls ein Enzym, das Zellmembranen schädigt und allergische Reaktionen auslöst.
- Hyaluronidase (ca. ein bis zwei Prozent): ähnlich wie bei Bienen, fördert die Verbreitung des Gifts im Gewebe.
- Antigen 5: Ein Hauptallergen, das für anaphylaktische Reaktionen verantwortlich ist.
- Biogene Amine (z. B. Histamin, Serotonin, Dopamin): Verstärken Schmerzen und Entzündungen.
- Wasp Venom Peptide (Mastoparan): ein Peptid, das Mastzellen aktiviert und Histamin freisetzt.
Die LD50 von Wespengift liegt bei etwa zehn bis 90 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht (intravenös, Mäuse), was deutlich weniger toxisch ist als Bienengift. Eine Wespe injiziert etwa zwei bis 20 Mikrogramm Gift, also deutlich weniger als eine Biene.
Quellen/zum Weiterlesen
Ecosystem services provided by aculeate wasps – PubMed
Why we love bees and hate wasps – Sumner – 2018 – Ecological Entomology – Wiley Online Library
Arthropod decline in grasslands and forests is associated with landscape-level drivers | Nature

