
Die Katze ist Deutschlands beliebtestes Haustier – doch hinter der harmlosen Fassade der schnurrenden Stubentiger verbirgt sich eine der größten ökologischen Bedrohungen für die heimische Tierwelt. Wissenschaftliche Studien belegen: Hauskatzen und verwilderte Katzen verursachen massive Schäden in der Natur, die nach wie vor stark unterschätzt und in der Öffentlichkeit verharmlost werden.
In Deutschland leben derzeit 15,9 Millionen Katzen in privaten Haushalten. Bei einer Gesamtfläche von 357.588 Quadratkilometern entspricht dies einer Dichte von etwa 44,5 Katzen pro Quadratkilometer. Diese Zahl verdeutlicht das Ausmaß des Problems: Zum Vergleich benötigen bedrohte Wildkatzen Reviere von fünf bis 30 Quadratkilometer pro Tier. Hinzu kommen schätzungsweise zwei Millionen verwilderte Straßenkatzen in Deutschland. Diese Zahl hat nach Einschätzung des Deutschen Tierschutzbundes „siebenstellige Dimensionen erreicht“ und stellt „eines der größten unbemerkten Tierschutzprobleme in Deutschland“ dar.

Die wissenschaftliche Evidenz für die verheerenden Auswirkungen von Katzen auf die Tierwelt ist erdrückend. Eine wegweisende Studie in Nature Communications aus dem Jahr 2013 zeigte, dass freilaufende Hauskatzen in den USA jährlich 1,3 bis 4 Milliarden Vögel und 6,3 bis 22,3 Milliarden Säugetiere töten. Diese Zahlen machen Katzen zur „wahrscheinlich größten anthropogenen Todesursache für Vögel und Säugetiere in den USA“, wie es in der Studie heißt.
In Europa sind die Zahlen ebenfalls alarmierend. So töten Hauskatzen in den Niederlanden Hauskatzen schätzungsweise 141 Millionen Tiere jährlich. In Finnland erbeuten freilaufende Katzen über eine Million Tiere pro Monat, davon mindestens 144.000 Vögel. Polnische Hofkatzen töten jährlich 136 Millionen Vögel und 583 Millionen Säugetiere. Für Deutschland liegen ebenfalls Schätzungen vor. Nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) fallen jährlich bis zu 200 Millionen Vögel den Katzen zum Opfer. Der Landesjagdverband Hessen berichtet, dass Katzen durchschnittlich zwei Vögel oder Säuger pro Tag töten – das entspricht über 700 Tieren pro Jahr pro Katze. Ornithologe Professor Franz Bairlein präzisiert diese Zahlen: „Bei etwa elf Millionen freilaufenden Hauskatzen macht dies etwa 44 Millionen durch freilaufende Hauskatzen getötete Vögel aus. Die wirkliche Zahl ist aber gut dreifach höher, also mindestens etwa 132 Millionen“. Dies liege daran, dass nur etwa ein Drittel der Beute nach Hause gebracht wird.
Etwa 70 Prozent der Hauskatzen in Deutschland haben regelmäßig Freigang. Auf dem Land liegt dieser Anteil sogar bei 50 bis 70 Prozent, in manchen Gebieten bei bis zu 90 Prozent. Dies bedeutet, dass rund elf Millionen Katzen aktiv jagen können. Besonders problematisch: Selbst wohlgenährte Hauskatzen jagen. Studien zeigen, dass 50 bis 80 Prozent der freilaufenden Hauskatzen jagen, obwohl sie von ihren Besitzern gefüttert werden. Dieses Phänomen des „Surplus Killing“, des Jagens aus Instinkt, nicht aus Hunger, belegt beispielsweise eine Studie der Universität Exeter aus 2022. Durch forensische Analysen von Katzenhaaren stellten Forscher fest, dass 96 Prozent der Katzennahrung von den Besitzern stammt, nur drei bis vier Prozent von wild erbeuteten Tieren. Das Verhalten des sogenannten „Überschusstötens“ ist evolutionär bedingt und kann nicht durch Fütterung unterbunden werden, betonen die Wissenschaftlerinnen.
Die meisten Vogeltötungen ereignen sich zur Brutzeit von Mai bis Juli, wobei über 80 Prozent der Opfer Jungvögel sind. Diese Phase ist besonders kritisch, da unerfahrene Jungvögel leichte Beute darstellen und ihr Verlust direkte Auswirkungen auf die Populationsentwicklung hat. Katzen eruieren systematisch, wo Nester sind, beobachten Elternvögel bei der Fütterung und folgen den Lauten der Nestlinge. Auch Jungvögel, die das Nest verlassen haben, sind leichte Beute für Katzen: Als sogenannte Ästlinge verbringen sie eine Zeit lang in Gebüschen und Bäumen, um das Fliegen zu üben und sich weiterhin von den Eltern versorgen zu lassen. Junge Singvögel, völlig unerfahren und ohne den gewissen Schutz, den das Nest noch bieten würde, betteln teils lautstark tagelang im Geäst nach Futter – was Katzen problemlos ausmachen können.
Auch darf nicht vergessen werden, dass Katzen mit natürlichen Prädatoren um Nahrung und Lebensraum konkurrieren. Sämtliche Milliarden von Katzen erbeuteten Tiere stehen nativen Prädatoren wie Eulen, Sperber und Falke, Mauswiesel und Hermelin oder Raubwürger und Neuntöter nicht mehr zur Verfügung – was wiederum deutlich negative Auswirkungen auf die natürlichen Nahrungsnetze und die Artenvielfalt hat. Zusätzlich bedroht die Hybridisierung mit Hauskatzen die genetische Integrität echter Wildkatzen, besonders in Gebieten mit niedrigen Wildkatzendichten.
Dazu kommt das erschreckende Fortpflanzungspotenzial von Katzen. Hauskatzen können bereits mit vier Monaten fruchtbar werden und bleiben zeitlebens fortpflanzungsfähig, da sie keine Menopause durchlaufen. Die höchste Fruchtbarkeit liegt zwischen 18 Monaten und 8 Jahren. Verwilderte Katzen haben eine hohe Reproduktionsrate, da sie nicht kastriert werden: Sie können zwei bis dreimal pro Jahr werfen, in der Regel werden drei bis vier Junge aufgezogen. Rein rechnerisch kann eine einzelne verwilderte Katze damit im Laufe von acht Jahren zwischen 48 und 106 Junge in die Welt setzen.
Trotz der bekannten Problematik ist laut einer repräsentativen Umfrage jede zehnte gehaltene Katze in Deutschland nicht kastriert. Bei 15,7 Millionen gehaltenen Katzen entspricht dies 1,57 Millionen unkastrierten Tieren, was maßgeblich zur Entstehung neuer verwildeter Katzenpopulationen beiträgt. Zwar besteht in rund 1.900 deutschen Städten und Gemeinden eine Kastrationspflicht für Freigängerkatzen, aber umgesetzt oder kontrolliert wird sie de facto nicht.
Dabei wirken Katzen nicht nur durch direktes Töten, sondern auch durch „Furchteffekte“ auf die Tierwelt. Studien an Amseln und Rauchschwalben zeigten, dass bereits die bloße Anwesenheit von Katzen das Fressverhalten, die Stressreaktion und die Fortpflanzung von Vögeln negativ beeinflusst. Eine Studie im Journal of Invironmental Law aus 2020 dokumentierte, dass selbst eine kurze Konfrontation mit einem ausgestopften Katzenmodell die Fütterung der Jungen um ein Drittel reduzierte und das Risiko für Nesträuberei durch andere Raubtiere erhöhte. Den Forschenden zufolge können Furchteffekte sogar noch größere Auswirkungen auf Vogelpopulationen haben als die direkte Prädation selbst.
Die Datenlage ist eindeutig: Hauskatzen und verwilderte Katzen stellen eine massive Bedrohung für Deutschlands Ökosystem dar. Mit 44,5 Katzen pro Quadratkilometer und jährlich über 130 Millionen getöteten Vögeln allein durch Hauskatzen erreicht das Problem dramatische Dimensionen.
Die Lösung liegt in konsequenter Kastration, Reduzierung des Freigangs und besserer Aufklärung der Katzenbesitzer über die ökologischen Auswirkungen ihrer Lieblinge. Nur durch entsprechende Maßnahmen kann diese „stille Katastrophe“ noch aufgehalten werden.
Quellen
The impact of free-ranging domestic cats on wildlife of the United States | Nature Communications
Frontiers | Editorial: Ecological impacts of domestic cat activity on wildlife
Wie viele Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Vögel leben in Deutschland? | ZZF
Straßenkatzen: In Deutschland leben Millionen Streuner im Elend | STERN.de
„Im Schnitt töten Katzen 700 Tiere pro Jahr“
Domestic cats go hunting out of instinct rather than hunger – Earth.com
Surplus Killing: The Myth of Mustelid “Bloodthirst” – Genuine Mustelids
Gemeinden mit einer Katzenkastrationspflicht – Deutscher Tierschutzbund e.V.
Kastrationspflicht Katzen ? Gesetz & Gemeinden – Übersicht
The impact of free-ranging domestic cats on wildlife of the United States – PubMed

