Insektensterben – und kein Ende in Sicht: „Zögern, Interessenkonflikte und kurzfristiges Denken sind die Ursache“

Durch | Mai 9, 2025
Credits: Universität Würzburg

PUGNALOM-INTERVIEW MIT DER ÖKOLOGIN MAREIKE KORTMANN

Dr. Mareike Kortmann forscht am Lehrstuhl für Naturschutzbiologie und Waldökologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. In ihrer aktuellen Studie berichtet sie über die Auswirkungen der konventionellen Landwirtschaft auf Insekten: „Sie sind gravierender als bislang angenommen“, sagt sie.

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In Ihrer Studie haben Sie einen Verlust von rund 30 Prozent in der evolutionären Diversität nachgewiesen. Warum ist gerade die Vielfalt der Verwandschaftsverhältnisse zwischen den Arten so wichtig? 

Die evolutionäre oder phylogenetische Diversität beschreibt, wie eng oder entfernt Arten in einer Gemeinschaft miteinander verwandt sind. Eine hohe phylogenetische Diversität bedeutet, dass die Arten aus verschiedenen evolutionären Linien stammen und damit oft sehr unterschiedliche Merkmale besitzen – etwa in Bezug auf Hitzetoleranz, Resistenz gegen Umweltgifte oder Anpassungsstrategien. Diese Vielfalt macht ein Ökosystem widerstandsfähiger gegenüber Umweltveränderungen.

Im Gegensatz dazu misst die taxonomische Diversität nur die Anzahl der Arten – unabhängig davon, wie eng sie verwandt sind. Eine Gemeinschaft mit vielen Arten, die aber alle aus derselben Verwandtschaftsgruppe stammen, kann also taxonomisch vielfältig, aber phylogenetisch einseitig sein. Die phylogenetische Diversität liefert deshalb zusätzliche Informationen über die funktionelle Bandbreite und die potenzielle Stabilität eines Ökosystems.

Geht diese Diversität verloren, steigt das Risiko, dass viele Arten gleichzeitig ausfallen – zum Beispiel, wenn alle ähnlich empfindlich auf Trockenheit oder Krankheiten reagieren. So kann der Artenschwund beschleunigt werden und ganze ökologische Funktionen verloren gehen.

Dass insbesondere die konventionelle Landwirtschaft maßgeblich zum Insektensterben beiträgt, wird bereits seit den 1990er Jahren diskutiert. Dennoch hat sich in Sachen Insektenschutz nicht viel getan. Welche Ursachen machen Sie dafür verantwortlich?

Diese Frage kann eine Expertin, die sich mit den gesellschaftlich-politischen Aspekten des Themas beschäftigt, sicherlich besser beantworten als eine Ökologin. Aus meiner Sicht liegt ein wesentlicher Grund in der Komplexität der Interessenlage: Maßnahmen zum Insektenschutz betreffen oft unmittelbar die wirtschaftliche Praxis vieler Landwirt*innen. Gleichzeitig waren die agrarpolitischen Rahmenbedingungen – etwa das Subventionssystem der EU – lange Zeit eher auf Produktionssteigerung und wirtschaftliches Wachstum als auf ökologische Nachhaltigkeit ausgerichtet.

Zudem ist der politische Handlungsspielraum teils durch den Einfluss wirtschaftsstarker Interessensgruppen wie dem Bauernverband oder der Agrarindustrie eingeschränkt. Diese vertreten verständlicherweise die Interessen ihrer Mitglieder, was jedoch den gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit verlangsamen kann. Hinzu kommt, dass viele Maßnahmen im Insekten- oder allgemeinen Umweltschutz in einer seit Jahrhunderten von negativen Einflüssen geprägten Kulturlandschaft erst langfristig wirken – was ihre politische Durchsetzbarkeit erschwert, da schnelle Erfolge selten sind.

Wir als Forschende in der Ökologie können uns allerdings die Frage stellen, ob wir unsere Themen noch effizienter und treffender kommunizieren können, damit unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Gesellschaft und bei Entscheidungsträger*innen besser ankommen.

Kann das Insektensterben Ihrer Meinung nach überhaupt noch gestoppt werden?

Ja, das Insektensterben kann nach aktuellem Erkenntnisstand gestoppt oder zumindest deutlich verlangsamt werden. Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist vorhanden: Wir wissen heute sehr genau, welche Faktoren Insekten gefährden – etwa Pestizide, Lebensraumverlust oder Lichtverschmutzung. Konsequenter Schutz und die Wiederherstellung von Lebensräumen, eine ökologische Neuausrichtung der Landwirtschaft sowie klare politische Rahmenbedingungen wären wirksame Gegenmaßnahmen – auch wenn es für bestimmte Arten und angesichts des Klimawandels kritisch werden kann.

Zwar bedürfen einige Aspekte und Prozesse des Insektensterbens weiterer Forschung, doch wir wissen bereits genug, um handeln zu können. Wie bei der vorherigen Frage geht es auch hier um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse, bei denen es letztlich am Willen und an der Bereitschaft zur Umsetzung mangelt. Vieles scheitert am Zögern, an Interessenskonflikten oder an kurzfristigem Denken. Diese Gemengelage gilt es rasch zu überwinden, denn jede Verzögerung kostet uns weitere Arten – und mit ihnen wichtige ökologische Funktionen, deren Verlust nicht nur der Umwelt schadet, sondern mittel- und langfristig vor allem auch uns selbst.

Originalpublikation

A short cut to sample coverage standardization in meta-barcoding data provides new insights into land use effects on insect diversity. Mareike Kortmann, Anne Chao, Chun-Huo Chiu, Christoph Heibl, Oliver Mitesser, Jérôme Morinière, Vedran Bozicevic, Torsten Hothorn, Julia Rothacher, Jana Englmeier, Jörg Ewald, Ute Fricke, Cristina Ganuza, Maria Haensel, Christoph Moning, Sarah Redlich, Sandra Rojas-Botero, Cynthia Tobisch, Johannes Uhler, Jie Zhang, Ingolf Steffan-Dewenter, and Jörg Müller

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