
IKEA, der weltweit größte Möbelkonzern, präsentiert sich als Vorreiter der Nachhaltigkeit. Das Unternehmen betont in seinen Berichten und Werbekampagnen, dass es ausschließlich Holz aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern bezieht, zertifiziert durch den Forest Stewardship Council (FSC). Bis 2024 soll 97 Prozent des genutzten Holzes FSC-zertifiziert oder recycelt sein, und IKEA verpflichtet sich, bis 2030 „forest positive“ zu werden – also mehr Wälder zu erhalten, als es verbraucht. Diese Versprechen dienen der Markenbildung und rechtfertigen den massiven Holzverbrauch: IKEA verarbeitet jährlich rund 13,4 Millionen Kubikmeter Holz, was einem Baum pro Sekunde entspricht. Doch in Rumänien, wo IKEA der größte private Waldbesitzer mit über 51.000 Hektar ist, steht diese Narrative vor der harten Realität. Hier wird der Konzern mit der Zerstörung alter Karpatenwälder in Verbindung gebracht, die zu Europas letzten intakten Urwäldern zählen. Die Beteiligung der staatlichen Forstbehörde Romsilva und systemische Korruption machen den Fall zu einem Paradebeispiel für Greenwashing: Nach außen Nachhaltigkeit, innen rücksichtslose Ausbeutung.
Die Karpatenwälder: Europas letzter Schatz und ihr Verlust
Die Karpaten, eine Gebirgskette in Osteuropa, beherbergen etwa die Hälfte der verbliebenen Urwälder Europas außerhalb Skandinaviens – rund 70 Prozent der Jungfrauenwälder des Kontinents. In Rumänien, das 60 Prozent dieser Wälder kontrolliert, erstrecken sie sich über 525.000 Hektar, darunter geschützte Natura-2000-Gebiete der EU. Diese Wälder sind nicht nur Biodiversitäts-Hotspots mit Braunbären, Luchsen, Wölfen und Europäischen Bisons, sondern auch essenzielle Kohlenstoffspeicher: Alte Buchen- und Eichenbestände binden mehr CO? als jüngere Forste und regulieren das Klima regional. Ihre Zerstörung verstärkt Dürren, Überschwemmungen und den Klimawandel.
Seit Rumäniens EU-Beitritt 2007 hat das Land jedoch ein Drittel seiner Wälder verloren – 50 bis 70 Prozent der Jungfrauenwälder. Jährlich werden 38,6 Millionen Kubikmeter Holz geerntet, davon die Hälfte illegal. Der Grund: Eine explosive Mischung aus Korruption, schwacher Rechtsdurchsetzung und dem Boom der Fast-Furniture-Industrie. Die EU-Biodiversitätsstrategie fordert den Schutz von 10 Prozent der Wälder bis 2030, doch nur 2,4 Prozent der rumänischen Karpatenwälder (1.700 km²) sind derzeit vor Abholzung geschützt. Offizielle Daten deuten auf 7 Prozent Wälder über 120 Jahre alt hin, die streng geschützt werden müssten. Stattdessen verschwinden sie in einem „Wahnsinn der Abholzung“, getrieben von ausländischen Investoren und lokalen Akteuren. Die Europäische Kommission hat 2020 ein Verfahren gegen Rumänien eingeleitet, weil illegale Abholzung in Natura-2000-Gebieten ungestraft bleibt – ein Verstoß gegen EU-Recht, das bisher nicht vor Gericht gebracht wurde.
Romsilva: Korruption und Skandale in der rumänischen Forstverwaltung
Romsilva, die staatliche Forstbehörde, verwaltet 48 Prozent der rumänischen Wälder und ist zentraler Akteur in der Krise. Als größte Forstfirma Europas kontrolliert sie Millionen Hektar, doch sie ist von Skandalen geprägt: Korruption, illegale Vergaben und Gewalt gegen Kritiker. Zwischen 2000 und 2010 wurden bei der Rückgabe enteigneter Wälder (nach der kommunistischen Ära) gefälschte Dokumente verwendet, um halbe Landflächen zu privatisieren – ein Milliardenschaden für den Staat. Romsilva, die Schutz und Bewirtschaftung verantwortet, wurde von Kriminellen infiltriert: Ehemalige Manager wie Gelu Puiu, der 2020 Forststaatssekretär wurde, stammen aus dem Unternehmen und bagatellisieren Illegales als „Maßnahmen zur Kriminalitätsreduktion“.
Whistleblower berichten von Bedrohungen und Angriffen: Eine Biologin wurde 2020 in einen Wald gelockt und knapp ermordet, weil sie Abholzung in Nationalparks kritisierte; ein Ranger wurde 2019 nach Weigerung gegen illegale Fällungen zusammengeschlagen und liegen gelassen. Seit 2019 wurden sechs Ranger ermordet – darunter Liviu Pop, der 2019 bei einer Razzia erschossen wurde. Keine Verurteilungen. Romsilva zählt 16 Angriffe auf Mitarbeiter 2019 allein. Die „Holzmafia“, ein Netzwerk aus Politikern, Beamten und Firmen, profitiert: Illegales Holz wird mit gefälschten Papieren legalisiert, oft in Romsilvas Depots vermischt. Die EU-Timber-Verordnung von 2013, die illegales Holz stoppen soll, scheitert an mangelnder Umsetzung. Romsilva-FSC-Zertifizierungen (seit 2006) kaschieren das: Trotz bekannter Verstöße bleibt die Behörde zertifiziert, da FSC-Audits oft versagen. Im April 2024 dokumentierten NGOs 50 Verstöße in Romsilva-Gebieten, inklusive Überschreitung von Holzzuteilungen in Schutzgebieten.
IKEAs Beteiligung: Von der Landakquise zur Lieferkette
IKEA trat 2015 in Rumänien ein, kaufte 51.000 Hektar – größte private Waldbesitzung – für 84 Millionen Euro vom Harvard Endowment Fund. Diese Flächen stammen aus korrupten Restitutionen: Harvard erwarb sie von der „Enigma-Gruppe“, einem Netzwerk aus Politikern und Geschäftsleuten, das mit Betrug, Korruption und Geldwäsche in Verbindung steht. In Vrancea, wo IKEA 13.500 Hektar hält, sind 500 Hektar unter Strafuntersuchung; Romsilva fordert 400 Hektar zurück. IKEA führte Due-Diligence durch, ignorierte aber Warnsignale: Eine Richterin hob 2016 ein Harvard-Urteil auf, da der Kauf nicht in gutem Glauben erfolgte.
Heute fällt IKEA in eigenen Wäldern und via Lieferanten: Sieben Fabriken (z.B. Plimob, das fast ausschließlich für IKEA produziert) beziehen Holz aus Hochschutzwäldern, inklusive Natura-2000. Produkte wie Ingolf-Stühle, Sniglar-Babybetten und Bekväm-Trittbretter landen in 13 Ländern, darunter Deutschland und UK. Greenpeace verfolgte die Kette: Von Fällgenehmigungen und Satellitenbildern zu Depots und Fabriken – alles legal auf dem Papier, aber destruktiv. Agent Green/BMF fanden in neun IKEA-Wäldern 50 Verstöße: Kahlschläge in Biodiversitäts-Hotspots, Überschreitung von Volumenlimits, Zerstörung alter Eichen und Totholz. Nur 1 Prozent streng geschützt, 90 Prozent industriell genutzt. IKEA verarbeitet 10 Prozent seines Holzes aus Rumänien – bis zu 1,3 Millionen Kubikmeter jährlich.
Korruption erleichtert das: IKEA-Lieferanten nutzen gefälschte SUMAL-Transportdaten (Rumäniens Holz-Tracking-System). OCCRP deckte 2024 Betrug bei Kronospan auf, einem IKEA-Zulieferer: Über 100 Lkw mit gefälschten Fotos lieferten illegales Holz. Earthsight fand ähnliche Muster in IKEA-Ketten aus Ukraine und Russland – FSC-zertifiziert, aber illegal. IKEA bestreitet: „Keine Unregelmäßigkeiten“, Praktiken „konform mit Gesetzen“. Doch Behörden fanden keine Beweise für Compliance – und FSC-Audits scheitern systematisch.
Greenwashing: Nachhaltigkeitsversprechen vs. Realität
IKEAs IWAY-Code verbietet Holz aus Schutzgebieten, doch FSC-Zertifizierung (IKEAs Hauptinstrument) ist fehlerhaft: Audits sind angekündigt, bezahlt von den Zertifizierten, und ignorieren Beweise. FSC „garantiert“ nicht Legalität, kaschiert aber Missstände – wie in Rumänien, wo zertifizierte Romsilva-Wälder zerstört werden. IKEA prahlt mit 150 Audits jährlich, doch NGOs wie Greenpeace fordern: Kein Holz aus Natuwäldern, unabhängige Untersuchungen. Stattdessen expandiert IKEA: 2023 Umsatz 50 Milliarden Euro, Holzverbrauch steigend. Die EU-Verordnung gegen Abholzung (EUDR, ab 2024) könnte IKEA treffen, doch Rumäniens Korruption (Transparency International: Top-korrupt in EU) schwächt sie.
Konsequenzen und Ausblick
Die Abholzung zerstört Ökosysteme: 7.350 km² Waldverlust in 20 Jahren – dreimal die Fläche des Saarlands. CO?-Freisetzung untergräbt EU-Klimaziele; Artensterben bedroht Bären und Luchse. Lokale Gemeinden leiden unter Erosion, Überschwemmungen und Verlust von Lebensgrundlage. Die EU muss EUDR durchsetzen, Rumänien reformieren – Romsilva auflösen, Transparenz fordern. IKEA könnte Vorreiter sein: Weniger Holzverbrauch, keine Natuwälder. Doch der Konzern priorisiert Wachstum. Verbraucher: Kauft bewusst, drängt auf Transparenz. Ohne Druck bleibt Greenwashing IKEAs Markenzeichen – und die Karpaten sterben.

Quellen: Basierend auf Berichten von Greenpeace CEE (2024), Agent Green/BMF (2024), Earthsight (2020-2021), OCCRP (2016-2024), Mongabay (2024), Euronews (2024), Romania Insider (2024), Al Jazeera (2020), New Republic (2022). Alle Fakten stammen aus öffentlichen Untersuchungen und Gerichtsakten.

