
(Kommentar)
Feldgehölze – egal, ob als Grenze zwischen Äckern, an Bachläufen oder als Einsprengsel auf Monokulturflächen – sind schützenswerte und geschützte Landschaftselemente. Häufig allerdings nur auf dem Papier: Unter dem Vorwand der Pflege werden sie vielerorts rabiat und ohne Sachverstand beschnitten oder, wie in diesem Beispiel in der Nähe von Dorste/Altkreis Osterode, komplett zerstört.

Der Bewuchs an einem Vorfluter wurde hier vollständig entfernt. Geschätztes Volumen: rund 950 Kubikmeter Lebensraum. Vergleicht man diese Zahl mit dem Innenraumvolumen eines Omnibusses, das mit etwa 80 Kubikmetern zu Buche schlägt, ist der Verlust an Lebensraum mit dem Inhalt von 12 Omnibussen vergleichbar.

Wie auf dem zweiten Foto zu erkennen, wurden hier alte Weiden extrem und völlig unsachgemäß zurückgeschnitten:
- Unsaubere Schnitte: keine sauberen Schnittflächen, Einrisse und Rindenabrisse an den Stämmlingen, mehrfach angesetzte Motorsäge an den Stämmlingen
- Zu viele Schnitte: Kappung des gesamten Baumes, vollständige Entfernung der Krone. Richtig wäre es gewesen, pro Schnittmaßnahme nicht mehr als zehn Prozent der Krone zurück zu schneiden. Bäume in der freien Feldflur müssten eigentlich gar nicht beschnitten werden: Sie „wissen“ selbst am besten, wie sie erfolgreich wachsen können.
- Zu große Schnitte: Weiden gehören zu den schlecht abschottenden Baumarten – das heißt, sie können Wunden nicht überwallen. Die Wunden bei schlecht abschottenden Baumarten (z.B. auch Birke, Esche, Kastanie, Robinie, Kirsche) sollten nicht größer sein als fünf Zentimeter. An den Weiden des vorliegenden Falls findet man Schnittwunden von bis zu 20 Zentimetern. Zählt man die Wunden zusammen, kommt pro Baum eine Schnittfläche von mehr als einem Quadratmeter zustande.

Das beschriebene Vorgehen hat nichts mit dem Schnitt von Kopfweiden zu tun. Weiden, die als Kopfweiden im Laufe der Jahre vielfältige wertvolle Eigenschaften entwickeln, werden von Beginn an nach einem bestimmten Schema geschnitten. Wer aber solche alten Weiden wie hier bei Dorste auf derart brutale Weise komplett ihrer Äste beraubt, hat weder Sachverstand noch bringt ein Mindestmaß an ökologischem Wissen mit.
Derartige Schnitte führen zum Absterben der Bäume. Binnen weniger Jahre werden sich hier Pilze ansiedeln – die Bäume werden den Kampf nicht gewinnen. Am Bachlauf des Dorster Mühlenbaches wurden bereits vor einigen Jahren alte Weiden auf ähnliche Weise zurückgeschnitten und Erlen gekappt. Inzwischen sind die Folgen dieses massiven Eingriffs gut zu erkennen.
Durch die vollflächige Entfernung des Bewuchses haben viele Tierarten ein Stück ihres Lebensraums verloren. Besonders betroffen sind spezialisierte Arten wie der Neuntöter (Lanius collurio), der seine Nester in dichten Hecken baut, oder Insektenarten wie Wildbienen, die auf Blüten von Weide, Schwarzdorn, Weißdorn und Holunder angewiesen sind. Der Rotmilan (Milvus milvus) nutzte die hohen Weiden als Ruheplatz, der Mäusebussard (Buteo buteo), um nach Beute Ausschau zu halten. Zu beobachten waren hier unter anderem Goldammer (Emberiza citrinella), Dorngrasmücke (Sylvia communis), Heckenbraunelle (Prunella modularis), Zaunkönig (Troglodytes troglodytes) und Rotkehlchen (Eritacus rubecula). Auch für zahlreiche Säugetiere werden für lange Zeit 950 Kubikmeter Lebensraum fehlen: Es braucht schätzungsweise 15 Jahre, bis der Status quo ante wieder erreicht ist.
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