
Im Kreis Wesel begann vor etwa einer Woche die Initiative „NRW pflanzt“ der Robin Gut Stiftung. Ziel ist es, eine Million Bäume in Nordrhein-Westfalen zu pflanzen. Alle 396 Städte und Gemeinden sind zur Teilnahme aufgerufen, um Klimaschutz, Artenvielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Den Auftakt machte ein Pressetermin in Alpen, wo Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen eine Eiche vor dem Forstamt Huck pflanzte. Ministerpräsident Hendrik Wüst übernahm die Schirmherrschaft. Das Land stellt Staatswaldflächen bereit und übernimmt auf Wunsch Pflanzung und Pflege von Baumarten, die dem Wiederbewaldungskonzept entsprechen. Ein „Letter of Intent“ wurde zwischen der Stiftung und dem Landesbetrieb Wald und Holz NRW unterzeichnet. Erste Kommunen wie Kempen beteiligen sich, wo ab Herbst die ersten Bäume gepflanzt werden sollen. Weitere Städte, Unternehmen und Privatpersonen haben ihre Teilnahme zugesagt.

Allerdings ist dieses Projekt eher die Ausnahme, denn die Zerstörung von Natur für wirtschaftlich genutzte Areale nimmt weiterhin zu. Besonders betroffen sind Waldflächen, denen für Industrie- und Gewerbegebiete sowie für die Errichtung großflächiger Solarparks Lebensraum und ökologische Funktionen entrissen werden. Die Folgen reichen vom Verlust unersetzlicher Habitate bis hin zur Verschlechterung des lokalen und globalen Klimas. Hier einige Beispiele:
- Fürstenwalde, Brandenburg: Zur Schaffung eines neuen Industriegebietes sollen insgesamt 430 Hektar Wald gerodet werden. Das Gebiet gilt als eines der letzten großen zusammenhängenden Waldareale und wird von Bürgerinitiativen vehement verteidigt. Die Flächen werden als „Kronjuwel“ der gewerblichen Entwicklung gehandelt, doch für die Natur und ihre Bewohner bedeutet dies unwiderruflichen Verlust.
- Göttin-Paterdammer Wald, Brandenburg: Hier ist die Rodung von 400 Hektar Wald für ein Industriegebiet geplant. Neben gravierendem Arten- und Naturverlust sind auch streng geschützte Arten wie der Seeadler sowie bedrohte Vogelarten (Gruppe der Großtrappen) betroffen. Der Wald dient vielen Menschen zudem als Naherholungsgebiet und natürlicher Lärmpuffer.
- Bad Freienwalde, Brandenburg: Die Lindhorst-Gruppe plante zunächst eine Rodung von insgesamt 370 Hektar Wald, davon 250 Hektar für einen Solarpark und 120 Hektar für einen Gewerbepark. Das Vorhaben stieß bei Naturschutzverbänden und Teilen der Bevölkerung auf massiven Widerstand. Dazu schreibt die Lindhorst-Gruppe an Pugnalom:
„Das erwähnte Projekt ist bereits Anfang 2024 verworfen worden, da vor Ort keine Einvernehmlichkeit mit den Akteuren erzielt werden konnte und ein konstruktiver Dialog für ein Projekt dieser Größe leider ausblieb, von einer Planung kann keine Rede mehr sein.“ - Schleife, Sachsen: Für einen geplanten Solarpark sollen 28 Hektar intakter Wald einem Megawatt-Projekt weichen. Kritik kommt insbesondere von Naturschutzverbänden, die darauf hinweisen, dass ausgerechnet für erneuerbare Energien wertvolle Waldflächen geopfert werden, während Alternativen wie versiegelte Flächen zur Verfügung stünden.
- Penzberg, Bayern: Die Stadt plant im Rahmen einer Flächennutzungsplan-Änderung die Ausweisung einer weiteren Gewerbefläche im Nonnenwald. Naturschützer sehen darin einen weiteren Schritt zur Vernichtung wichtiger Waldflächen, die wichtige Ökosystemleistungen und Lebensräume bieten.
- Radevormwald, Nordrhein-Westfalen: Das Unternehmen Gira errichtet ab Sommer 2025 einen eigenen Solarpark auf einer Fläche von etwa 7 Hektar (70.000 m²). Ziel ist es, den Strombedarf der nahegelegenen Werke mit erneuerbarer Energie zu decken. Wertvolle Habitate werden zerstört.
- Weilberg, Hessen: In Weilburg (Hessen) läuft seit November 2024 das Verfahren zur Aufstellung eines Bebauungsplans für einen Agri-Solarpark (etwa 6,5 Hektar). Dabei geht es um die kombinierte Nutzung von erneuerbarer Energie und Landwirtschaft. Für das Projekt wird auch eine bisher bewaldete Fläche beansprucht. Ziel ist es, die Klimaziele und die Energiewende auf Landes- und Bundesebene zu fördern. Die Rodung des Waldes bleibt jedoch trotz beabsichtigter Kompensationsmaßnahmen umstritten.
Wälder in Deutschland sind äußerst artenreich. Untersuchungen belegen, dass in einem Naturwaldreservat auf rund 70 Hektar durchschnittlich 5.810 Tierarten leben, was etwa 83 Tierarten pro Hektar entspricht. Damit beherbergt ein Hektar Wald eine beeindruckende Palette an Arten, darunter zahlreiche Insekten, Spinnen, Käfer, Vögel, Säugetiere sowie Pilze und Pflanzen. Viele dieser Arten sind auf den spezifischen Lebensraum Wald angewiesen.
Hinzu kommt, dass Deutschlands Wälder unter massivem Stress durch den Klimawandel stehen. Extreme Dürreperioden, hohe Temperaturen und aufeinanderfolgende Stürme haben die Bäume in den letzten Jahren stark geschwächt; zusätzlich können sich bestimmte Schaderreger aufgrund der milden Winter massenhaft vermehren. Die Auswirkungen sind drastisch: Im Harz beispielsweise, in dem Fichtenmonokulturen vorherrschten, sind stellenweise bis zu 90 Prozent des Bestandes abgestorben. Aber auch in Mischwäldern zeigen sich die Folgen des Klimawandels. Der aktuelle Waldzustandsbericht zeigt, dass vier von fünf Bäumen geschädigt sind. Zwischen 2018 und 2021 wurden deutschlandweit Baumverluste auf 501.000 Hektar verzeichnet. Trotz dieser alarmierenden Zahlen werden weiterhin Wälder für wirtschaftliche Zwecke gerodet – allein in den vergangenen fünf Jahren nach offiziellen Angaben zwischen 40.000 und 60.000 Hektar für den Bau von Gewerbegebieten, Straßen, Windkraft- und PV-Anlagen. und Straßen, Infrastruktur und erneuerbare Energien in Deutschland gerodet. Der Teufel soll hier mit dem Belzebub ausgetrieben werden. Hier ignorieren die Verantwortlichen, wie wichtig Wälder für den Wasserkreislauf sind. Der Waldboden speichert bis zu 200 Liter pro Quadratmeter. Das langsame Versickern beugt Überschwemmungen vor und stabilisieren Grundwasser- und Fließwasserstände. Fallen diese Effekte weg, wird das Mikroklima destabilisiert; langfristig sinken die Niederschlagsmengen, und der Boden trocknet schneller aus, was wiederum weitere Flächenverluste begünstigt.
Durch Rodungen werden nicht nur Lebensräume vernichtet, sondern auch essentielle ökologische Funktionen – neben der Fähigkeit, Wasser zu speichern, fungieren Wälder auch als Kohlenstoffsenke, sie sorgen für einen Temperaturausgleich, filtern die Luft und bieten Erholungsraum für die Bevölkerung. Rodungen reduzieren sämtliche Ökosystemleistungen des Gebiets – schlagartig und auf lange Sicht unwiederbringlich, denn die Regeneration eines gerodeten Waldstücks zu einem intakten, artenreichen Wald mit vollständigen Ökosystemleistungen ist ein äußerst langwieriger Prozess.
Die Dauer bis zur Wiederherstellung der Waldbiodiversität und Funktionsvielfalt hängt von vielerlei Faktoren ab, darunter Bodenbeschaffenheit, Klima, Art der Vornutzung und regionale Vielfalt. Studien belegen, dass 80 Prozent des vormaligen Zustands erst nach 50 bis 80 Jahren erreicht werden; für eine vollständige Annäherung an den Status quo ante werden oft über 120 Jahre benötigt, bei anspruchsvollen Tiergruppen liegt dieser Wert bei mehr als 150 Jahren. Während also erste Anzeichen von Erholung nach wenigen Jahrzehnten sichtbar werden können, kann sich die vollständige Rückkehr zu einem funktionsreichen, intakten Waldlebensraum mit all seinen ursprünglichen Arten und ökologischen Leistungen über mehrere Generationen bis weit über ein Jahrhundert erstrecken. Einige komplexe Ökosystemfunktionen und die Komplexität der Artenzusammensetzung erreichen nie wieder das Ausgangsniveau, insbesondere wenn seltene oder spezialistische Arten verloren gehen oder Landschaftsfragmentierung hinzukommt. Die langfristigen Folgen für Mensch und Umwelt sind dramatisch – und werden zugunsten kurzfristiger wirtschaftlicher und politischer Überlegungen ausgeblendet.
Quellen
BMLEH – Wald in Deutschland – Massive Schäden – Einsatz für Wälder und Waldumbau nötig
Waldsterben | Trockenheit | Stürme | Borkenkäfer
Wälder leiden unter Trockenheit – NABU
Biodiversity recovery of Neotropical secondary forests | Science Advances
Forests follow unexpected—and surprisingly fast—paths to recovery
Cleared tropical forests can regain ground surprisingly fast
A meta?analysis of functional group responses to forest recovery outside of the tropics – PMC
International forest revival methods will improve | Emerald Insight

