
Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) hat in einer aktuellen Umfrage alarmierende Einblicke in die Unsicherheiten der Wärmewende geliefert. Mehr als die Hälfte der befragten Stadtwerke sieht die langfristige Bezahlbarkeit einer klimaneutralen Wärmeversorgung gefährdet. Bis 2045 soll Deutschland mit Fernwärme, Wärmepumpen und grünen Gasen heizen, was massive Investitionen in Milliardenhöhe erfordert. Diese Kosten werden letztlich an Verbraucher und Wirtschaft weitergegeben. Der VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing appelliert an den Bundestag, in der Haushaltsdebatte Mitte November 2025 zu handeln, um eine soziale und wirtschaftliche Absicherung zu gewährleisten. Ohne schnelle Maßnahmen droht ein Stillstand bei der Umsetzung der Wärmepläne in den Kommunen.
Die Umfrage unter 609 Stadtwerken und kommunalen Energieversorgern, an der 164 Unternehmen teilnahmen, ergab klare Ergebnisse: 51 Prozent der Befragten halten eine bezahlbare Wärmeversorgung langfristig für nicht gesichert, nur 31 Prozent sehen dies positiv, und 18 Prozent äußern Unsicherheit. Dies spiegelt die wachsende Sorge wider, dass der Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Alternativen die Haushalte und Unternehmen überfordert. Aktuell heizen rund 48 Prozent der deutschen Wohnungen mit Erdgas und 23 Prozent mit Heizöl, was durch die CO2-Steuer – die 2025 auf 55 Euro pro Tonne steigt – teurer wird. Die Stadtwerke, die 91 Prozent des Wärmemarkts abdecken, stehen vor der Herausforderung, Netze umzubauen und neue Technologien einzuführen, ohne dass die Preise explodieren. Liebing betont, dass die Wärmepläne in den Kommunen Fortschritte machen, aber ohne politische Unterstützung die Akzeptanz in der Bevölkerung schwindet.

Hintergrund dieser Befürchtungen ist die ambitionierte Klimazielsetzung Deutschlands. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG), umgangssprachlich Heizungsgesetz, fordert seit Januar 2024, dass neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen. Dies soll bis 2045 zu einer vollständigen Dekarbonisierung des Wärmesektors führen, der rund 30 Prozent der nationalen CO2-Emissionen verursacht. Die Novelle von 2023 löste heftige Debatten aus, da sie den Ausstieg aus Öl- und Gasheizungen beschleunigt. Für Bestandsgebäude gilt eine Austauschpflicht erst nach 30 Jahren, mit Übergangsfristen von bis zu 13 Jahren in Mehrfamilienhäusern. Dennoch fehlt es an klarem Rechtsrahmen: 84 Prozent der Stadtwerke sehen offene Fragen als größtes Hindernis. Die CO2-Steuererhöhung verschärft die Lage, und der Markt für Wärmepumpen wächst zwar – im ersten Halbjahr 2025 wurden 140.000 installiert –, doch neue Gasheizungen halten mit 133.000 Einbauten Schritt. Die neue schwarz-rote Koalition diskutiert eine Reform des GEG, um es technologieoffener zu machen, was Unsicherheiten schürt.
Die VKU-Umfrage beleuchtet auch die Zukunft der Gasnetze: Bei 46 Prozent der Stadtwerke steht noch nicht fest, ob Leitungen stillgelegt oder auf grüne Gase umgerüstet werden. Nur 8 Prozent planen Umrüstungen für Privathaushalte, während 23 Prozent eine Mischform anstreben. Dies unterstreicht die Planungssicherheit als Schlüsselthema. Die Branche investierte 2022 bereits 17 Milliarden Euro in Infrastruktur und spart seit 1990 78 Prozent ihrer CO2-Emissionen ein. Für den Fernwärmeausbau sind bis 2030 43,5 Milliarden Euro notwendig, um den Anteil von aktuell 6 Prozent auf das Dreifache zu steigern. Ohne Förderung droht ein Investitionsstau: 97 Prozent der Stadtwerke wollen ihre Ausgaben erhöhen, doch fehlende Mittel bremsen dies.
Konkrete Forderungen der Stadtwerke zielen auf schnelle Lösungen. 72 Prozent plädieren für mehr Fördermittel, insbesondere für die Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW), die den Ausbau von Fernwärme unterstützt. Der VKU fordert eine Erhöhung auf 3,5 Milliarden Euro jährlich, da die aktuell eingeplanten 3,4 Milliarden für 2025 bis 2029 zu knapp sind. Ergänzend sollen alternative Finanzierungen wie der Energiewendefonds (EWF) etabliert werden. Dieser Fonds, von VKU, BDEW und Deloitte vorgeschlagen, soll 30 bis 50 Milliarden Euro umfassen und privates Kapital mobilisieren, ohne Steuergelder: Durch stille Einlagen, Genussrechte und Bürgschaften des Bundes wird der Eigenkapitalbedarf gedeckt. Die KfW könnte flankierend Haftungsprogramme oder Mezzanin-Kapital bereitstellen, ähnlich der Absicherung bei Geothermie-Projekten. Der Fonds müsste im Haushaltsplan 2026 im Kapitel Bürgschaften verankert werden.
Weitere Vorschläge umfassen Kosteneffizienz: 68 Prozent kritisieren Doppelförderungen, etwa für Wärmepumpen in Gebieten, wo Wärmepläne Fernwärme priorisieren – dies widerspricht kommunalen Strategien. 57 Prozent fordern eine Reform der Netzentgelte, wie verursachergerechte Stromtarife oder ein Gas-Kompensationskonto. 58 Prozent wollen die Stromsteuer auf das EU-Minimum senken, und 46 Prozent plädieren für eine Verlängerung des Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetzes (KWKG). Langfristig braucht es eine Novelle des GEG, um Klarheit zu schaffen: Liebing mahnt, die Koalition solle nicht aufschieben, sondern schnell entscheiden. Die BEW-Förderung sollte in ein eigenes Gesetz umgewandelt werden, und Mietrecht-Anpassungen – wie eine Deckelung von Mieterhöhungen bei Fernwärme auf 50 Cent pro Quadratmeter – könnten Akzeptanz steigern.
Die Umfrage vom 26. August bis 15. September 2025, mit 26,9 Prozent Rücklauf, ist Teil einer Serie: Frühere Teile beleuchten Wärmeplanung und Gasnetze. Sie zeigt, dass die Branche bereit ist, aber auf politische Signale wartet. In der neuen Legislaturperiode könnte der Bundestag in der Haushaltsbereinigung Mitte November entscheiden. Ohne Handeln droht, wie Liebing warnt, in dieser Periode kein neuer Projektstart – ein Risiko für die Klimaziele. Die Stadtwerke, mit 309.000 Beschäftigten und 194 Milliarden Euro Umsatz 2022, sind Hidden Champions des Klimaschutzes, doch sie brauchen Unterstützung, um die Wärmewende sozialverträglich zu gestalten.
Dieser Appell kommt in einer Phase politischer Umbrüche. Die schwarz-rote Koalition hat im Koalitionsvertrag eine GEG-Reform angekündigt, mit Fokus auf CO2-Vermeidung als Steuerungsgröße. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant Änderungen bis Ende 2025, darunter Technologieoffenheit und Abschaffung von Verboten. Förderungen wie die BEG, mit 35.000 Anträgen in den ersten Monaten 2025, bleiben essenziell: Bis zu 70 Prozent Zuschuss für Sanierungen, gedeckelt auf 30.000 Euro pro Einheit. Dennoch kritisieren Verbände Kürzungen im Klima- und Transformationsfonds (KTF). Experten schätzen den Fernwärme-Umbau auf 721 Milliarden Euro – eine Belastung, die ohne Hebelwirkung wie den EWF explodieren könnte.
Die Debatte berührt Kernfragen der Energiewende: Wie balanciert man Klimaschutz mit sozialer Gerechtigkeit? In Niedersachsen, wo viele Kommunen auf Fernwärme setzen, spiegelt die Umfrage regionale Realitäten. Die VKU betont: Die Wärmewende muss vor Ort passieren, mit Beteiligung von Bürgern und Wirtschaft. Ohne klare Weichenstellung droht Skepsis und Verzögerung. Der Bundestag hat nun die Chance, mit Fördererhöhungen und Fonds-Gründung Vertrauen zurückzugewinnen. Dies würde nicht nur Investitionen ankurbeln, sondern auch die Akzeptanz stärken – essenziell, da 40 Prozent der Emissionen im Gebäudesektor anfallen. Die Umfrage mahnt: Die Zeit drängt, und Handeln schützt nicht nur das Klima, sondern auch den Geldbeutel der Bürger.
Quellen:
- https://www.vku.de/presse/pressemitteilungen/vku-umfrage-stadtwerke-in-sorge-um-bezahlbares-heizen-politik-muss-handeln/
- https://www.rnd.de/wirtschaft/stadtwerke-warnen-vor-steigenden-heizkosten-und-stehen-selbst-in-der-kritik-TKYLL4MIIZHBTBOMKHQKXQJIAA.html
- https://www.bild.de/politik/inland/heizung-stadtwerke-alarmiert-bezahlbares-heizen-nicht-gesichert-6745826ab365c17ac10c2b9a
- https://www.spiegel.de/wirtschaft/fernwaerme-stadtwerke-sehen-bezahlbares-heizen-kuenftig-in-gefahr-a-47592ecf-1ff2-4bf0-9664-5dbe402cd8f5
- https://www.vku.de/themen/finanzen-und-steuern/artikel/vku-bdew-und-deloitte-schlagen-energiewendefonds-vor/
- https://www.bdew.de/presse/presseinformationen/bdew-vku-und-deloitte-stellen-energiewende-fonds-vor/
- https://www.pv-magazine.de/2024/06/03/energiewende-fonds-soll-privates-kapital-mobilisieren/
- https://1komma5.com/de/waermepumpe/heizungsgesetz/
- https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/heizungsgesetz-zwei-jahre-koalition-100.html
- https://www.ista.com/de/blog/vermieten-verwalten/gebaeudeenergiegesetz-2025-aktueller-stand-reformplaene-und-handlungstipps/

