England und Wales: Kälte tötet weiter mehr als Hitze – der Abstand schrumpft

Durch | September 1, 2026
Person seen from behind wearing a bright orange winter coat and a dark backpack, walking through falling snow in a city street.

Zwischen 1988 und 2025 standen in England schätzungsweise 40.063 Todesfälle mit den heißesten Tagen in Verbindung und 138.944 mit den kältesten. In Wales waren es 2.070 und 10.098. Das Office for National Statistics (ONS) hat die Reihe bis 2025 fortgeschrieben und ältere Schätzungen bis 2022 ersetzt. Hitze macht 0,21 Prozent aller englischen und 0,16 Prozent aller walisischen Sterbefälle aus, Kälte 0,72 und 0,79 Prozent.

Gemeint sind nicht alle warmen oder kalten Tage, sondern das heißeste und kälteste Viertelprozent der Tagesmittel über 38 Jahre – grob über etwa 19 Grad und unter etwa 0 Grad, je nach Region. Das Modell setzt die Sterblichkeit zur jeweils günstigsten Temperatur und rechnet verzögerte Effekte sowie Luftverschmutzung mit. Es unterstellt, dass die Temperatur-Sterblichkeits-Beziehung über den gesamten Zeitraum gleich bleibt.

Spitzenjahre und Geografie

2010, mit hartem Winter 2009/10 und Dezemberkälte, hängen in England etwa 17.584 und in Wales 1.521 Todesfälle an den kältesten Tagen. 2022, dem Jahr der höchsten Tageswerte, waren es hitzebezogen etwa 4.430 in England und 222 in Wales. Der geglättete Trend verschiebt den Kältegipfel Richtung 2013 (kalter Frühling). Der Anteil hitzebezogener Sterbefälle steigt in den jüngeren Jahren; die Lücke zur Kälte wird kleiner, bleibt aber groß.

London hat die höchsten Anteile: 0,36 Prozent Hitze, 0,88 Prozent Kälte (7.675 und 18.984 Fälle). Die meisten kältebezogenen Toten zählt der Südosten (24.228). Fast alle Regionen und Wales zeigen mindestens 50 Prozent höheres relatives Risiko oberhalb von 24 Grad; der Südosten nur 40 Prozent. Bei 0 Grad liegt das Plus überall bei mindestens 20 Prozent.

Alter

Ab 65 Jahren steigt das Risiko über 24 Grad um mindestens 50 Prozent gegenüber der Optimaltemperatur, unter minus 4 Grad um mindestens 40 Prozent. Kälte trifft diese Gruppe klar stärker als Jüngere. Unter 65 Jahren reichen die Fallzahlen für belastbare Hitzeschätzungen nicht; das Risiko gilt als niedriger.

Grenzen der Statistik

Ein gemeinsames Modell für Hitze und Kälte trennt keine jahreszeitlichen Verläufe und kontrolliert Influenza nicht – Winterzahlen können Infektionswellen enthalten. Sterbefälle von 2025 sind wegen Meldeverzug unvollständig, vor allem am Jahresende; die Kältezahl 2025 ist daher eher zu niedrig. Niemand weiß, ob die Verstorbenen draußen waren. Die Zahlen sind nicht altersstandardisiert, Regionen mit älterer Bevölkerung wirken daher schwerer. Für manche Untergruppen sind die Intervalle so breit, dass Unterschiede unsicher bleiben.

Bewertung

Die Botschaft ist unbequem für reine Hitzedebatten: In einem ozeanischen Klima tötet das untere Temperaturende über Jahrzehnte noch immer deutlich mehr Menschen als das obere. Das rechtfertigt keine Gleichgültigkeit gegenüber 2022-ähnlichen Sommern. Es heißt, Wohnungsdämmung, Heizkosten und Grippeimpfung bleiben Sterblichkeitspolitik, während Hitzewarnungen und kühle Räume an Gewicht gewinnen. Wer nur Extremhitze zählt, unterschätzt den Winter. Wer nur Kälte zählt, verpasst, dass sich das Verhältnis verschiebt. Das ONS liefert Amtstatistik, keine Ursachenzuschreibung einzelner Todesfälle und keinen Beleg, dass Anpassung die Risiko-Kurve schon geknickt hat – genau das unterstellt das Modell nicht.

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