Studie widerlegt Lehrbuchmeinung: Fliegen ist oft energieeffizienter als Schwimmen

Durch | Oktober 16, 2026
Fliegende Schwände. Credits: Veronika Andrews, pexels

Eine umfangreiche internationale Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Segel- oder Gleitflug auf Luftströmungen für Wildvögel energetisch günstiger sein kann als Schwimmen. Damit widerlegt die Arbeit unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie und der Swansea University eine gängige Lehrbuchmeinung, die auf Labormessungen beruht. Die Forschenden kombinierten dafür 17 Jahre Positions- und Beschleunigungsdaten von 850 Vögeln und Fledermäusen aus 38 Arten mit vier Jahren Radardaten; das Körpergewicht der Tiere reichte von etwa 12 Gramm bis zu mehr als 11 Kilogramm. Ein internationales Team aus 68 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern lieferte die Daten, darunter Forschende der GAIA-Initiative am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung.

Fliegende Schwände. Credits: Veronika Andrews, pexels
Fliegende Schwände Credits Veronika Andrews pexels

Besonders deutlich wird der Unterschied am Beispiel eines Andenkondors und eines Trompeterschwans, die beide etwa 11 Kilogramm wiegen. Der Kondor legt jeden Kilometer seiner Flugstrecke mit etwa einem Fünftel des Energieaufwands des Schwans zurück. Er nutzt Aufwinde und schlägt nur während 0,1 Prozent seiner Flugzeit mit den Flügeln, während der Schwan dies während 99 Prozent der Zeit tut. Die Transportkosten des Kondors liegen um 79 Prozent unter denen des Schwans, wodurch der Gleitflug günstiger wird als das Schwimmen. Sobald die Dynamik der Atmosphäre berücksichtigt wird, kann Fliegen die kostengünstigste Fortbewegungsart sein. In Lehrbüchern gilt Schwimmen als am günstigsten, Fliegen folgt an zweiter Stelle und Laufen als teuerste Form; diese Rangfolge basiert jedoch auf Messungen in Schwimmbecken, Windkanälen und auf Laufbändern und ändert sich außerhalb des Labors.

Die Studie ist die bislang umfangreichste, die die Kosten von Langstrecken-Fortbewegung für Wildtiere untersucht. Mithilfe von Beschleunigungssensoren unterschieden die Forschenden energieintensives Flügelschlagen von energiearmem Gleiten und ordneten mithilfe von GPS-Daten jeden Flugabschnitt den Windverhältnissen und Aufwinden zu, denen die Tiere begegneten. So berechneten sie die Transportkosten, also den Energieverbrauch pro zurückgelegtem Meter, und verglichen sie über Arten und Flugweisen hinweg. Die untersuchten Arten ließen sich in Segel- und Flügelschlagflieger einteilen. Bei den segelnden Vögeln hatte die Größe einen deutlichen Einfluss: Je schwerer ein Segelvogel war, desto weniger schlug er mit den Flügeln und desto geringer waren seine Transportkosten.

Sieben untersuchte Geierarten, darunter der Weißrückengeier, legten an insgesamt 128.000 Tagen mehr als 4,3 Millionen Kilometer zurück – genug, um den Planeten mehr als 100 Mal zu umrunden – und schlugen dabei nur während 0,1 bis 7 Prozent der Flugzeit mit den Flügeln. Der schwerste Geier, der Andenkondor, schlug am allerwenigsten. Sie ließen sich von aufsteigenden Luftsäulen tragen, was ihre Kosten am stärksten senkte. Je größer ein Segelflugvogel war, desto stärker hing er von diesen Bedingungen ab und desto eingeschränkter war er darin, wann und wo er fliegen konnte. Vögel und Fledermäuse, die quasi durchgehend mit den Flügeln schlagen, können dagegen auch unter wechselhafteren Bedingungen fliegen, wobei der Wind den größten Einfluss auf ihre Kosten hatte: Rückenwind half, Gegenwind bremste. Sie flogen häufig unter energieaufwändigen Bedingungen, bei denen ihre Effizienz gering war.

Die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse für den Schutz und das Management fliegender Arten, da sich bei veränderten atmosphärischen Bedingungen auch die Flugkosten ändern. Das beeinflusst, wann Tiere ziehen, wo sie rasten und wie sich die Gemeinschaften zusammensetzen, die sie bilden. Die Arbeit bietet einen neuen Rahmen für die Vorhersage des Energieaufwands beim Flug und dafür, wie sich klimatische Veränderungen in Zukunft darauf auswirken könnten, wohin und wann Tiere wandern. In zukünftigen Arbeiten wollen die Autoren den Energieverbrauch direkt messen, etwa durch Herzfrequenzüberwachung, um Unterschiede in der individuellen Physiologie zu erfassen. Die Daten der GAIA-Initiative, die Geier in Afrika mit modernen Sendern ausstattet, um deren Biologie und Ökologie zu erforschen, trugen zu der Zusammenarbeit bei und zeigen, wie effektiv und unterschiedlich Tiere die Luft als Transportmedium nutzen können.

Originalpublikation:

Martina Scacco et al. (2026) Airflows redefine the cost of aerial transport in the wild. SCIENCE, Vol. 394, No. 6821. DOI: 10.1126/science.aee6550

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
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