FOTO DES TAGES: Grüne Wände schlucken Schmutz und Lärm und mindern Stress

Durch | Oktober 16, 2026
Eine noch im Oktober üppig begrünte Wand in Kassel. Credits: Pugnalom

Eine begrünte senkrechte Wand bringt Pflanzen dorthin, wo für ausgedehnte Beete wenig Platz ist. Sie schafft zusätzliche Vegetationsfläche und lässt sich mit unterschiedlichen Stauden und Farnen gestalten, wie unser Foto des Tages aus Kassel zeigt. Freistehende grüne Wände verbinden damit gestalterische Möglichkeiten mit funktionalem Nutzen – unabhängig von Gebäuden. Auch im Herbst und Winter können geeignete Pflanzen dafür sorgen, dass die senkrechte Fläche grün und ansprechend bleibt.

Eine noch im Oktober üppig begrünte Schutzwand in Kassel. Credits: Pugnalom
Eine noch im Oktober üppig begrünte Schutzwand in Kassel Credits Pugnalom

Wie sich solche Anlagen unter mitteleuropäischen Bedingungen entwickeln, untersuchten Maren Stollberg und Alexander von Birgelen an der Hochschule Geisenheim. Für ihre 2023 in der Fachzeitschrift Frontiers in Horticulture veröffentlichte Studie beobachteten sie von 2017 bis 2019 insgesamt 34 mehrjährige Pflanzenarten und Sorten. Dafür errichteten sie vier freistehende Versuchswände mit unterschiedlich ausgerichteten Pflanzflächen. Die Pflanzen wuchsen in textilen Vegetationsmatten, die automatisch mit Wasser und Nährstoffen versorgt wurden.

Die Untersuchung zeigt, dass sich mit einer gezielten Pflanzen- und Sortenwahl auch über die warme Jahreszeit hinaus attraktive grüne Wände gestalten lassen. Das Purpurglöckchen Heuchera „Purple Petticoats“, die Falsche Alraunwurzel Tellima grandiflora „Rubra“, die Waldsteinie Waldsteinia ternata und das Dickmännchen Pachysandra terminalis behielten im Versuch auch während der Winterperioden einen guten gestalterischen Eindruck. Andere Pflanzen überzeugten während der Vegetationsperiode, verloren nach dem ersten Frost jedoch einen erheblichen Teil ihrer oberirdischen Masse. Damit bietet die Auswahl wintergrüner und saisonal attraktiver Arten unterschiedliche Möglichkeiten, das Erscheinungsbild einer Wand zu gestalten.

Für die Zusammensetzung der Bepflanzung erwies sich die Ausrichtung als entscheidend. Der Hirschzungenfarn Asplenium scolopendrium entwickelte sich auf der Nordseite am besten. Auf der Südseite war er dagegen stark beeinträchtigt und überlebte nach Angaben der Forschenden nur im Schatten einer größeren Nachbarpflanze. Die unterschiedlichen Seiten einer freistehenden Wand bieten somit verschiedene Standortbedingungen, die sich durch eine entsprechend angepasste Bepflanzung berücksichtigen lassen.

Auch das Zusammenspiel der Pflanzen beeinflusste das Ergebnis. Farne entwickelten sich teilweise langsamer, bildeten mit der Zeit aber attraktive Blattstrukturen. Stark wachsende Arten konnten dagegen benachbarte Pflanzen überwachsen. So musste Gundermann im Versuch gelegentlich zurückgeschnitten werden. Für eine dauerhaft vielfältige Wand kommt es deshalb darauf an, Pflanzen mit sich ergänzenden Wuchseigenschaften zu kombinieren und ihre Entwicklung durch Beobachtung und Pflege zu begleiten.

Ein zusätzlicher Nutzen begrünter Wände liegt in ihren akustischen Eigenschaften. Eine 2015 in Applied Acoustics veröffentlichte Untersuchung prüfte ein modulares Pflanzwandsystem unter standardisierten Laborbedingungen. Die Forschenden ermittelten einen bewerteten Schallabsorptionsgrad von 0,40 und ein bewertetes Schalldämmmaß von 15 Dezibel. Das geprüfte System konnte somit sowohl Schall aufnehmen als auch dessen Übertragung durch das Bauteil verringern.

Diese Eigenschaften machen begrünte Wandaufbauten für akustische Anwendungen interessant. Wie wirksam eine freistehende Anlage an einem konkreten Standort ist, müsste allerdings gesondert beurteilt werden. Das im Labor ermittelte Schalldämmmaß bedeutet nicht, dass eine beliebige grüne Wand den Geräuschpegel ihrer Umgebung um 15 Dezibel senkt. Die Untersuchung verwies unter anderem auf die Bedeutung dichter Verbindungen zwischen den Modulen. Eine weitere wissenschaftliche Arbeit zur Auslegung begrünter Schallschutzstrukturen betrachtet entsprechend das Zusammenwirken von Blattwerk und Substratschichten. Entscheidend ist der gesamte Wandaufbau, nicht allein die sichtbare Vegetation.

In der warmen Jahreszeit kommt ein weiterer Prozess hinzu: Pflanzen geben Wasser über ihre Blätter ab und nehmen bei dieser Verdunstung Wärme aus ihrer Umgebung auf, was für entsprechende Verdunstungskälte sorgt und die Umgebung in heißen Sommern angenehm kühlt.

Dense green and burgundy foliage covers a concrete wall beside a blue-framed window, with a brick sidewalk in the foreground.
Dieselbe Wand links begrünt rechts wie meist üblich blanker Beton Credits Pugnalom

Die mehrjährige Beobachtung zeigt zugleich, welche Voraussetzungen eine dauerhaft begrünte Wand braucht. Im untersuchten textilen System hielten häufige automatische Bewässerungsintervalle die Vegetationsmatten feucht. Wasser- und Nährstoffversorgung bildeten den größten Teil des Pflegeaufwands. Hinzu kamen das Entfernen unerwünschten Aufwuchses, einzelne Rückschnitte und der Ersatz ausgefallener Pflanzen. Die technische Versorgung gehört bei diesem System daher ebenso zur Planung wie die Auswahl der Arten.

Für die langfristige Entwicklung spielte auch die Winterhärte eine wichtige Rolle. Während einer Frostperiode Ende Februar und Anfang März 2018 sanken die Temperaturen am Versuchsstandort bis auf minus 8,6 Grad Celsius. Zeitweise blieben auch die Tageshöchstwerte unter dem Gefrierpunkt. Nach diesem Winter verzeichneten die Forschenden größere Pflanzenverluste als nach dem folgenden. Die Ergebnisse helfen damit, die Bepflanzung nicht nur nach ihrem sommerlichen Wachstum, sondern auch nach ihrer Eignung für die kalte Jahreszeit auszuwählen.

Ökologische Erwartungen sollten ebenfalls an den tatsächlich untersuchten Leistungen ausgerichtet werden. Die Geisenheimer Studie belegt, dass unterschiedliche mehrjährige Pflanzen in freistehenden Wänden etabliert werden können. Bestäuberbesuche oder die Artenvielfalt wirbelloser Tiere wurden jedoch nicht erfasst – hier besteht nach wie vor eine Wissenslücke.

Eine 2025 veröffentlichte experimentelle Studie mit 63 Teilnehmenden untersuchte die Erholung nach einer fünfminütigen Stressaufgabe. Anschließend betrachteten die Versuchspersonen sieben Minuten lang entweder eine reale oder eine virtuelle grüne Wand. Die Forschenden erfassten unter anderem Herzfrequenz, Herzratenvariabilität und die elektrische Leitfähigkeit der Haut als Indikator körperlicher Erregung. Die reale Pflanzwand war gegenüber der virtuellen Darstellung mit einer stärkeren Erholung bei mehreren dieser Messgrößen verbunden. Auch die subjektiv empfundene Erholung und Behaglichkeit fielen günstiger aus.

Quellen:

https://www.frontiersin.org/journals/horticulture/articles/10.3389/fhort.2023.1091026/full

https://www.mdpi.com/2071-1050/15/15/11672

https://www.mdpi.com/2071-1050/17/6/2421

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0360132320307319

https://addi.ehu.eus/handle/10810/65220

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