Eine Analyse von mehr als 43.000 englischsprachigen Zeitungsartikeln zeigt, dass die Berichterstattung über künstliche Intelligenz weltweit von einer ausgeprägten Hierarchie der Sichtbarkeit und Deutungshoheit geprägt ist. Während die USA überwiegend als technologischer Vorreiter erscheinen, wird Europa vor allem als regulierende und normative Instanz dargestellt. China tritt der Analyse zufolge als sichtbarster, zugleich aber ambivalenter Rivale auf.
Die Studie wurde im International Journal of Communication veröffentlicht und untersucht englischsprachige Zeitungsquellen aus den USA und Europa bis zum 31. Dezember 2024. Das untersuchte Korpus umfasst insgesamt 43.027 Artikel, darunter 9.684 aus den Vereinigten Staaten und 33.343 aus Europa. Die Autorinnen und Autoren kombinierten eine computergestützte Textanalyse mit einer interpretierenden Untersuchung der Beiträge.
„Die Ergebnisse zeigen eine auffällige Hierarchie darin, wer in der Geschichte der künstlichen Intelligenz sichtbar wird und wem Autorität zugeschrieben wird“, sagte Massimo Ragnedda, Professor für Medien und Kommunikation an der University of Sharjah. Die Vereinigten Staaten würden überwiegend als technologische Innovatoren und führende Kraft positioniert, Europa dagegen als Regulierer und normative Bewertungsinstanz.
China, das neben den USA zu den führenden KI-Mächten zählt, erscheint der Studie zufolge besonders häufig in der Berichterstattung. Seine Darstellung bleibt jedoch ambivalent. Peking werde vor allem mit Überwachung, geopolitischer Konkurrenz und strategischer Bedrohung verbunden, schreiben die Autoren.
Andere Akteure kommen in der untersuchten Berichterstattung deutlich seltener vor. Länder in Afrika und Lateinamerika werden demnach vielfach nur als Orte der Umsetzung, als Risikogebiete oder im Zusammenhang mit Entwicklungsbedarf dargestellt. Sie erscheinen damit weniger als eigenständige Gestalter der technologischen Zukunft, sondern eher als Empfänger oder Betroffene von Entwicklungen, die andernorts definiert werden.
Die Forschenden bezeichnen dieses Muster als „diskursive Stratifikation“. Gemeint ist eine ungleiche Verteilung von Deutungshoheit: Einige Akteure werden wiederholt als legitime Urheber und Interpreten technologischer Zukunftsentwürfe dargestellt, während andere hauptsächlich als Empfänger, Einsatzorte oder Objekte des technischen Wandels erscheinen.
Damit betrachtet die Studie künstliche Intelligenz nicht ausschließlich als technologische Innovation mit weitreichenden Folgen für das menschliche Leben. Sie ordnet KI auch in politische und wirtschaftliche Machtkonflikte ein. Im Mittelpunkt stehen Fragen danach, wie Sichtbarkeit, Wert, Chancen und kommunikative Autorität durch ungleiche sprachliche und mediale Strukturen verteilt werden.
Nach Auffassung der Autoren sind Nachrichtenmedien kein bloßer Spiegel des technologischen Wandels. Sie bilden vielmehr eine narrative Infrastruktur, durch die künstliche Intelligenz öffentlich verständlich und politisch einordenbar wird. In der Berichterstattung werden Akteure dadurch als Innovatoren, Regulierer, Bedrohungen oder – im Fall ihrer weitgehenden Abwesenheit – als sprachlose Betroffene positioniert.
Die Ergebnisse verschieben damit den Blick auf die Macht der KI. In der öffentlichen Diskussion geht es häufig um die Frage, ob autonome Systeme außer Kontrolle geraten und eine Gefahr für die Menschheit darstellen könnten. Die Studie richtet die Aufmerksamkeit auf eine andere Form der Macht: auf die Fähigkeit, festzulegen, was künstliche Intelligenz bedeutet, wer über sie sprechen darf und welche Zukunftsvorstellungen als relevant gelten.
„Künstliche Intelligenz bestimmt nicht nur, worüber wir sprechen“, erklärte Ragnedda. „Sie trägt auch dazu bei, wer als autorisiert gilt, über diese Technologie zu sprechen, und wessen Zukunft als vorstellenswert betrachtet wird.“
Die wiederkehrenden Erzählungen über KI prägen demnach die Wahrnehmung davon, wer führt, wer reguliert, wer eine Bedrohung darstellt, wer profitiert und wer weitgehend ungehört bleibt. Die Studie will deshalb über eine rein beschreibende Untersuchung von Darstellungen hinausgehen. Sie analysiert, wie Auswahl von Quellen, thematische Schwerpunkte und wiederkehrende Deutungsmuster die symbolische Geographie der künstlichen Intelligenz formen.
Die zentrale Frage lautet für Ragnedda und seine Mitautoren daher nicht allein, wer künstliche Intelligenz entwickelt. Ebenso entscheidend sei, wer bestimmen darf, was KI bedeutet – und wessen Stimme in der globalen Debatte fehlt.
Originalpublikation:
International Journal of Communication, Band 20: News Media. Massimo Ragnedda, Maria Laura Ruiu und Muhammad Awais: Narrative Authority, and the Global Ordering of Artificial Intelligence

