
Die Südharzer Gipskarstlandschaft gilt als das bedeutendste Gipskarstgebiet Europas. Der etwa 100 Kilometer lange Zechstein-Gürtel reicht von Osterode am Harz in Niedersachsen über Thüringen bis nach Sangerhausen in Sachsen-Anhalt. Charakteristisch sind Gipsfelsen, Dolinen, Erdfälle, periodisch wassergefüllte Karstgewässer (Turloughs), Höhlen, orchideenreiche Buchenwälder, Schluchtwälder, Trockenrasen und Quellsümpfe. Das Bundesamt für Naturschutz führt das Gebiet als Hotspot der biologischen Vielfalt Nr. 18. Vergleichbare bewaldete Gipskarstlandschaften gibt es weltweit kaum.
Gips löst sich leicht. Die Landschaftsformen und die darauf angewiesenen Lebensräume entstehen über geologische Zeiträume. Nach übertägigem Abbau mit Sprengung und schwerem Gerät sind Karststrukturen und die zugehörigen Biotope nicht wiederherstellbar. Renaturierte Steinbrüche ersetzen keine unversehrte Karstlandschaft.
Abbau in Niedersachsen
Im Südharz werden rund 2,5 Millionen Tonnen Naturgips pro Jahr gewonnen – mehr als die Hälfte des deutschen Naturgipsaufkommens. Deutschland verbraucht nach Verbandsangaben etwa 10 Millionen Tonnen Gips jährlich, davon rund 5 Millionen Tonnen als Naturgips. In Niedersachsen bestehen Angaben zufolge 25 genehmigte Abbauflächen auf etwa 574 Hektar; zusammen mit Kalk- und Dolomitbrüchen sind über 570 Hektar betroffen. Im Altkreis Osterode ist mehr als die Hälfte des rund 770 Hektar umfassenden Gipskarstgebiets für den Abbau freigegeben. Betroffen sind unter anderem Bereiche nahe den Naturschutzgebieten „Gipskarstlandschaft bei Ührde“ und „Gipskarstlandschaft Hainholz“. Unternehmen der Branche sind unter anderem Knauf, Saint-Gobain und Casea.
Nach dem Kohleausstieg fällt REA-Gips aus der Rauchgasentschwefelung zurück. Der Druck auf Naturgips steigt. Die Recyclingquote von Gips liegt Verbänden zufolge bei rund sechs Prozent.
Raumordnung und Schutzlücken
Das niedersächsische Landes-Raumordnungsprogramm (LROP) wurde 2022 überarbeitet. Der BUND Niedersachsen sieht darin eine Aufkündigung des früheren „Gipsfriedens“: Abbauflächen könnten bis unmittelbar an die Grenzen von FFH- und Naturschutzgebieten heranreichen, ohne Pufferzone. Zusätzlich seien rund 40 Hektar als weitere Vorranggebiete vorgesehen. 2021 hatte das Land nach Protesten Pläne für 45 Hektar zurückgenommen. Natura-2000-Kulissen in Niedersachsen und Thüringen haben nach Darstellung von Naturschutzorganisationen mögliche Abbauflächen bei der Gebietsauswahl ausgespart; Pufferzonen um wertvolle Gipswälder fehlen weitgehend. Ein großflächiges Biosphärenreservat gibt es in Niedersachsen nicht.
Unterschiedliche Linie der Nachbarländer
Sachsen-Anhalt hat 2009 das Biosphärenreservat „Karstlandschaft Südharz“ ausgewiesen – das einzige nennenswerte Biosphärenreservat in einem Sulfatkarst weltweit. Im Mai 2026 beschloss der Koalitionsausschuss dort, Pläne für Gipsabbau im Reservat nicht weiterzuverfolgen und den Status als Vorranggebiet für Natur und Landschaft beizubehalten. In Thüringen wies das Oberverwaltungsgericht im Juni 2026 eine Klage des Unternehmens Casea gegen das Abbauverbot im Naturpark Südharz ab. Revision wurde nicht zugelassen.
Bezug zur EU-Biodiversitätsstrategie und zur NBS 2030
Die EU-Biodiversitätsstrategie 2030 und die Verordnung zur Wiederherstellung der Natur verlangen wirksamen Schutz von Lebensräumen und die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme. Gipskarstlebensräume (Höhlen, Felsfluren, Trockenrasen, orchideenreiche Wälder, Erdfallgewässer) fallen unter typische FFH-Lebensraumtypen. Ein einmal abgebauter Karst kann die Wiederherstellungsziele für diese Typen nicht mehr erfüllen. Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt 2030 nennt Schutzgebiete, Vernetzung, Wälder und den Umgang mit Rohstoffnutzung als Handlungsfelder. Die praktische Steuerung von Vorrangflächen für Rohstoffe und Naturschutz liegt bei den Ländern.
Im niedersächsischen Teil des Hotspots 18 läuft bis 2029 ein Bundesprogramm-Projekt zur Optimierung von Offenland und Biotopverbund (unter anderem Braunkehlchen, Kammmolch, Mopsfledermaus). Parallel bleibt der laufende und geplante Oberflächenabbau der zentrale Eingriff in denselben Naturraum. Ein länderübergreifendes UNESCO-Biosphärenreservat und ein Ausstieg aus dem Naturgipsabbau bis 2045 werden von Verbänden gefordert, sind in Niedersachsen aber nicht beschlossen. Alternativen sind Recyclinggips und gipsfreie Baustoffe; verbindliche hohe Recyclingquoten fehlen bislang.


