Große, bunte Schmetterlinge ziehen weit mehr Aufmerksamkeit auf sich als ihre unscheinbaren Verwandten. Nicht nur Laien blicken länger hin, auch Forschung und Naturschutz bevorzugen die spektakulären Arten. Das zeigt eine internationale Studie mit Beteiligung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig, erschienen im Fachjournal Current Biology.
Auf den Roten Listen stehen dagegen häufiger die unscheinbaren Falter. Dieses Ungleichgewicht müsse der Naturschutz stärker beachten, fordert das Team. Mehr als 21.000 Menschen aus über hundert Ländern bewerteten Fotos europäischer Schmetterlinge spontan auf einer Skala von eins bis zehn. Ein blassgelber Falter mit auffälligem Muster und zipfeligen Hinterflügeln, der Schwalbenschwanz, schnitt besonders gut ab. „So konnten wir eine ganze Reihe von Merkmalen identifizieren, die Menschen an Schmetterlingen schätzen“, erklärt Dr. Elisabeth Kühn vom UFZ, die die Befragung in Deutschland koordiniert hat. Beliebt sind leuchtende Farben, vor allem Gelb und Blau, kontrastreiche Muster, große Flügel sowie gezackte Ränder oder Anhängsel. Kleine, bräunliche Arten fallen dagegen durch. Die Einschätzung teilten die allermeisten Befragten, unabhängig davon, ob sie sich mit Schmetterlingen auskannten. Aus den Noten entstand für knapp fünfhundert europäische Arten ein Schönheitsindex.
Die Folgen dieser Vorliebe sind messbar. Auf Flickr und iNaturalist werden Bilder attraktiver Falter häufiger hochgeladen, Wikipedia-Artikel zu ihnen sind zahlreicher und werden öfter gelesen. Überraschend für die Forschenden: Dasselbe Muster gilt für die Wissenschaft. Zu den schönen Arten gibt es mehr Gen-Sequenzen und mehr Veröffentlichungen. Auch die europäische Naturschutzgesetzgebung ist nicht gerecht. Die Berner Konvention von 1979 listet geschützte Arten, und dort sind Falter mit hohem Schönheitsindex überrepräsentiert. Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU von 1992 übernahm diese Bevorzugung. Weil die Richtlinie steuert, wohin Gelder und Maßnahmen fließen, etwa im LIFE-Programm, bleiben attraktive Schmetterlinge im Vorteil.
Auf den nationalen und europäischen Roten Listen von 2010 und 2025 tauchen die Schönheiten dagegen nicht häufiger auf als andere Arten. Entscheidend sind Häufigkeit und Rückgang, nicht Charisma. Den unattraktiveren Faltern geht es 2025 sogar tendenziell schlechter. In den Alpen bedroht der Klimawandel viele unscheinbare braune Arten. Der kälteliebende Gletscherfalter weicht in immer höhere Lagen aus, bis ihm der Raum ausgeht. „Solche Arten müssten im europäischen Naturschutz besser berücksichtigt werden, schließlich erfüllen sie ja genauso wichtige Funktionen in den Ökosystemen“, sagt Kühn. Mehr als die Hälfte der als gefährdet geltenden Schmetterlinge kämpft inzwischen mit steigenden Temperaturen, und das sind nicht in erster Linie die flatternden Schönheiten. Trotzdem hält die Biologin Flaggschiffarten für sinnvoll, weil sie Aufmerksamkeit bringen und Lebensräume retten helfen, von denen dann alle Bewohner profitieren. Wichtig bleibe, auch über unscheinbare Arten Daten zu sammeln.
Deshalb betreibt das UFZ gemeinsam mit der Gesellschaft für Schmetterlingsschutz seit mehr als zwanzig Jahren das Tagfalter-Monitoring Deutschland. Von April bis Ende September zählen Hunderte Freiwillige Woche für Woche auf festgelegten Strecken von bis zu einem Kilometer Länge tagaktive Falter. Die Teilnehmenden fotografieren attraktive Arten häufiger, erfasst werden aber alle, auch die unscheinbaren Braunen. Nur so lasse sich entscheiden, wer wirklich Schutz braucht.
Originalpublikation:
Leonardo Dapporto et al.: Beauty bias in butterfly research and conservation; Current Biology, https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.07.049

