ESSAY. Im Süden Niedersachsens, im Landkreis Göttingen (Altkreis Osterode), liegt ein Stück Landschaft, das europaweit einzigartig ist: die Gipskarstlandschaft bei Ührde. Sie bildet einen zentralen Bestandteil des Biodiversitäts-Hotspots 18, des „Südharzer Zechsteingürtels, Kyffhäuser und Hainleite“. Dieser Hotspot zählt zu den 30 national bedeutsamen Zentren biologischer Vielfalt in Deutschland. Hier treffen weicher Sulfatkarst, dramatische Erdfälle, Dolinen, Höhlen, Magerrasen, Orchideen-Buchenwälder und spezialisierte Lebensgemeinschaften aufeinander. Es ist einer der artenreichsten und geomorphologisch eindrucksvollsten Gipskarste Europas – und er wird systematisch zerstört.
Was einst als streng geschütztes Naturschutzgebiet (NSG BR 122 „Gipskarstlandschaft bei Ührde“, ca. 705 ha) ausgewiesen war und weitgehend dem FFH-Gebiet „Gipskarstgebiet bei Osterode“ entspricht, verwandelt sich seit Jahren in eine Abbauzone. Die Knauf-Tochter Rump & Salzmann betreibt dort Gips- und Dolomitabbau. Besonders betroffen sind der Härkenstein und der Blossenberg mit seinem Feldherrenhügel, von dem aus man einst weit über die Osteroder Landschaft bis zum Harz blicken konnte. Holzeinschlag, Abtragen des Oberbodens und Sprengungen zerreißen den Karst. Die jahrtausendealten Formationen verschwinden. Wo früher Bienen-Ragwurz, Purpur-Knabenkraut, Kammmolch und Zauneidechse lebten, entstehen tiefe Schluchten aus freigelegtem Gestein.
Symbolisch und bezeichnend ist der Austausch der Schilder: Die klassischen Naturschutzschilder, die das Stören von Pflanzen und Tieren sowie das Verlassen der Wege verboten, wurden durch Waldwarnschilder ersetzt, die vor herabfallenden Ästen warnen. Der Schutzgedanke wich der Sicherheitsbelehrung für eine industriell genutzte Zone. Die Genehmigung für die Erweiterung des Dolomitsteinbruchs „Am Härkenstein“ (rund 37 Hektar, Abbau bis 2090) erteilte 2014/2015 das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig bzw. die untere Naturschutzbehörde Göttingen. Grundlage war eine Kompensationsvereinbarung, die von Funktionären des BUND Westharz (Dr. Friedhart Knolle) und des NABU Osterode (damals Ursula Glock-Menger) mitunterzeichnet wurde. Diese Vereinbarung legitimierte den Raubbau für drei Generationen und diente als naturschutzfachliche Absicherung der behördlichen Freigabe.
Hier zeigt sich der politische und institutionelle Segen in Reinform. Während Sachsen-Anhalt mit dem Biosphärenreservat „Karstlandschaft Südharz“ den Abbau weitgehend gestoppt und Probebohrungen verhindert hat, priorisiert Niedersachsen die Rohstoffgewinnung. Im Landes-Raumordnungsprogramm und regionalen Planungen wurden und werden Vorranggebiete für den Gipsabbau ausgewiesen. Der „Gipsfrieden“ ist aufgekündigt. Unternehmen wie Knauf/Rump & Salzmann, Saint-Gobain und Casea profitieren. In Niedersachsen sind Dutzende Abbauflächen genehmigt; allein im Altkreis Osterode war mehr als die Hälfte der Gipskarstfläche freigegeben. Kompensationsmaßnahmen – Hecken, Streuobstwiesen – können die zerstörte Geomorphologie und die spezialisierten Lebensräume nicht ersetzen. Renaturierung nach dem Abbau bleibt kosmetisch.
Die Kritik an diesem Vorgehen ist berechtigt und bitter. Ein Hotspot, der im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt (BPBV) als schützenswert hervorgehoben und mit Konzepten zur Erhaltung von Magerrasen, Orchideenwäldern, Fledermausquartieren und Reliktarten unterlegt wurde, wird lokal geopfert. Die Mitwirkung von Naturschutzverbänden an der Kompensationsvereinbarung erscheint vielen Beobachtern als Kapitulation oder Greenwashing. Die Behörden handeln im Rahmen der geltenden Rechtslage und der politischen Prioritätensetzung für die Rohstoffwirtschaft. Die Folge ist irreversible Landschaftszerstörung in einem Gebiet, das als grüner Karst mit hohem Artenreichtum gilt und touristisches wie ökologisches Potenzial besitzt.
Diese Entwicklung ist kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck einer politischen Entscheidung: kurzfristige wirtschaftliche Interessen und bestehende Abbaurechte wiegen schwerer als der langfristige Schutz eines nationalen Biodiversitäts-Hotspots. Die Schilder tauschen, den Karst sprengen und bis 2090 weiterabbauen – das ist die Realität hinter den Bekenntnissen zu Biodiversität und Naturschutz. Der Hotspot 18 verliert im Landkreis Göttingen Stück für Stück seine wertvollsten Teile. Was bleibt, ist die Frage, ob und wann der politische Wille entsteht, diesen Raubbau zu beenden und den verbliebenen Gipskarst tatsächlich zu schützen – statt ihn mit dem Segen der Behörden und unter Mitwirkung von Naturschutzfunktionären weiter zu opfern.

