Wandergütesiegel für eine ausgeräumte Landschaft: Über Karstwanderweg und Gipsindustrie – ein Kommentar

Durch | September 24, 2026
Qualität und wunderbar? Raubbau am Wegesrand. Credits: pugnalom

Der Karstwanderweg, praktisch überall südlich des Harzes durch Schilder mit rot-weiß hinterlegtem K gekennzeichnet, wird neuerdings auf den Flyern des Vereins als „Qualitätsweg“ des Deutschen Wanderverbandes beworben. Stadt und Tourismusverband nutzen das Siegel und vermitteln dem interessierten Besucher der Region: Die so beschilderten Wege bieten Wanderglück in einmaliger Natur; hier werden Lebensräume geachtet. In Wirklichkeit aber wird mit diesem Siegel Greenwashing per excellence betrieben, denn das „grüne“ Bild hält einer genaueren Prüfung nicht stand.

Qualität und wunderbar? Raubbau am Wegesrand. Credits: pugnalom
Qualität und wunderbar Raubbau am Wegesrand Credits pugnalom

So steht unter den Vergabebedingungen, dass Wegeführung und Vermarktung dem „Prinzip der Nachhaltigkeit nicht widersprechen“ dürften, und Naturschutzbelange berücksichtigt werden „sollen“, nicht „müssen“. Das inzwischen inflationär verwendete Wort „Nachhaltigkeit“ meint hier lediglich: Der Weg soll pflegbar, markiert, zu 35 % naturnah, gut markiert und beschildert sowie abgesichert sein, an Gastronomie vorbeiführen, ausreichend Parkplätze und eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr bieten. „Nachhaltigkeit“ bedeutet hier nicht, dass die Themenlandschaft, sprich: der europaweit einmalige Gipskarst, geschützt wird; es sagt nichts über die Unersetzbarkeit der typischen Biotope. Es handelt sich lediglich um ein Wander-Komfort-Prädikat – nichts mehr und nichts weniger.

Im Auge des Betrachters allerdings wirkt das handschriftliche grüne W wie ein Natur-Gütesiegel, das sich gut macht auf den Flyern eines Vereins, der aufs Engste mit den Bergbaukonzernen vor Ort verbandelt ist.

Die Aufwertung des Karstwanderweges dürfte indes einiges gekostet haben. Der Wanderverband firmiert unter einer gleichnamigen Service GmbH Kassel und berechnet allein für die Zertifizierung je nach Länge des jeweiligen Weges zwischen 2.530 Euro bis 50 km und 4.290 Euro für mehr als 250 km; hinzu kommen 2.100 Euro für die notwendige Schulung sowie Reisekosten für Referenten und Prüfer. Die Zertifizierung des Karstwanderweges mit seinen rund 250 Streckenkilometern dürfte daher im mittleren vierstelligen bis niedrigen fünfstelligen Euro-Bereich gelegen haben. Diese Summe mag auf den ersten Blick hoch erscheinen. Auf den zweiten allerdings ist sie ein Schnäppchen – erkauft sich der Karstwanderweg doch damit das grüne Image, das Casea, Saint Gobain und die Knauf-Tochter Rump & Salzmann dringend nötig haben.

Denn die Bergbaukonzerne sind im Begriff, eine Landschaft unwiederbringlich auszuräumen, die nach Einschätzung des Bundesamtes für Naturschutz die zugleich größte und bedeutsamste Gipskarstlandschaft Mitteleuropas ist. Höhlen, Dolinen, Erdfälle, Bachschwinden, Karstquellen, spezifische Wälder und Magerrasen sind Naturschätze, Produkte von mehr als 10.000 Jahren der Subrosion wasserlöslichen Sulfatgesteins, von Gips und Anhydrit. Doch Gips und Anhydrit, ebenso wie das Karbonatgestein Dolomit, wecken enorme Begehrlichkeiten. Im niedersächsischen und thüringischen Teil des ohnehin nur schmalen Gipskarstgürtels sind rund 1.000 Hektar in Abbau begriffen oder zum Abbau vorgesehen – das entspricht bis zu 50 Prozent der dortigen oberflächennahen Gipskarstflächen. Allein Knauf, weltweit führender Hersteller von Gips-Bausystemen, erzielte 2025 elf Milliarden Euro Umsatz mit Gips.

Wie eng verzahnt Rohstoffindustrie und Karstwanderweg sind, zeigt das Beispiel Rump & Salzmann, die als 100prozentige Tochter von Knauf im niedersächsischen Ührde Dolomitgestein inmitten des Naturschutzgebiets Gipskarstlandschaft bei Osterode am Harz abbaut. Uwe Schridde, langjähriger Betriebsleiter, agiert aktuell als Projektleiter Naturschutz bei Rump & Salzmann und war viele Jahre Vorsitzender des Fördervereins Deutsches Gipsmuseum und Karstwanderweg e.V., das 2007 aus den beiden Fördervereinen Karstwanderweg und Deutsches Gipsmuseum fusionierte. Kaum ein Bericht des Lokalblattes HarzKurier über Naturschutz und Gipskarstlandschaft, das nicht Schridde als Vorkämpfer der typischen „betrieblichen Ausgleichslogik“ zitiert. Demzufolge bemisst sich der Erfolg des Naturschutzes eben nicht am Erhalt einmaliger Landschaften, sondern daran, wie viele und welche Arten auf Sekundärflächen und bestimmten „Ökopunkten“ siedeln. Dieser Logik nach wäre es dem Abbau zu danken, dass offene Magerstandorte entstünden, und dass eine nachfolgende Modellierung, Beweidung und „Störung“ den Verlust des Primärkarstes wettmachen könnten.

Der Begriff der „Störungsökologie“, den es seit den 1970er Jahren gibt, beschreibt zwar Mechanismen auf vorhandenem Substrat und kann erklären, warum eine Rohbodenfläche artenreich werden kann – aber nicht, wie man Dolinen, Höhlen, Karstaquifere und über Jahrtausende entstandene Landschaftsreliefs zurückbringt. Die rhetorische Pointe „was wie Zerstörung wirkt, schafft Leben“ soll den ökologischen Mechanismus auf den Abbau selbst übertragen und vertuschen, dass die Gipskarstlandschaft durch Bergbau unwiederbringlich verloren geht. Bagger und Raupe vernichten ein nicht substituierbares Primärökosystem und produzieren sekundäre Offenflächen, deren Wert von einem anderen Maßstab lebt. Das ist nicht dasselbe. Wer Beweidung, Haldenmodellierung und Aufforstung als Wiederherstellung der Gipskarstlandschaft darstellt, liegt fachlich und moralisch daneben. Denn mit den schweren Eingriffen in die Landschaft, die durch nichts zu kompensieren sind, wird zukünftigen Generationen verwehrt, den Gipskarst nicht nur wissenschaftlich zu untersuchen, sondern auch zu genießen.

Ein Siegel wie das des Deutschen Wanderverbandes für den Karstwanderweg wirkt wie eine Bestätigung der Firmenlogik: Hier wird echte Nachhaltigkeit gelebt. Viele der reichlich aufgestellten Hochglanz-Infotafeln suggerieren genau diese angebliche Partnerschaft von Bergbau und Naturschutz. Bei der Vergabe eines „Qualitätsweges wanderbares Deutschland“ wäre deshalb dringend Sensibilität vonnöten gewesen. Eine solche Vergabe darf nicht kritikfrei erfolgen, und sie darf ökologische Irreversibilität nicht ausblenden. Wer nur Wegeformat und Erlebnispunkte zählt, darf kein Zertifikat erteilen, wenn nebenan ein Naturhotspot dem Erdboden gleichgemacht wird.

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