Ein Team afrikanischer Forscher hat erstmals eine umfassende Übersicht über die Aktivitäten zur Wiederherstellung von Seegraswiesen entlang der gesamten Küstenlinie Afrikas veröffentlicht.
Seegräser sind Blütenpflanzen, die in flachen Küstengewässern wachsen und mit ihren leuchtend grünen Blättern Unterwasserwiesen bilden. Entlang der afrikanischen Küste ernähren diese Wiesen seit Jahrtausenden menschliche Gesellschaften und liefern Nahrung, Medizin und Rohstoffe, zugleich tragen sie kulturelle und spirituelle Bedeutung. Dennoch gehören sie weltweit zu den am wenigsten erforschten Meereslebensräumen, sowohl was ihre Verbreitung als auch ihren Zustand angeht.
Prof. Sophie von der Heyden vom Institut für Botanik und Zoologie der Universität Stellenbosch hat gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus nord-, west- und ostafrikanischen Ländern eine Studie zu Projekten der Seegraswiederansiedlung in Afrika geleitet. Die Arbeit mit dem Titel „Identifying and addressing critical gaps to accelerate seagrass restoration in Africa“ ist im Journal of Applied Ecology erschienen. Von der Heyden betont, dass die Seegrasforschung in den vergangenen zwanzig Jahren weltweit zwar zugenommen habe, die Forschung an Korallenriffen aber etwa sechsmal umfangreicher sei. Die Wiederherstellung der Wiesen sei ein wichtiger Teil ihres Schutzes, weil Seegrasbestände weltweit zurückgehen. Die Wissenschaft dazu sei jedoch fragmentiert und artenspezifisch, sodass Erfolge aus einer Region sich nicht ohne Weiteres auf andere übertragen ließen.
Die Studie liefert deshalb eine aktuelle Bestandsaufnahme und zeigt Wege, die Wiederherstellung in Afrika zu stärken. Das entspricht der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen von 2021 bis 2030 und der Anerkennung von Seegraswiesen als essenzielle Meeresvariable. Die Autorinnen und Autoren werteten veröffentlichte Arbeiten aus Küstenländern mit bekannten Seegrasbeständen aus. Eine der größten Schwierigkeiten bleibt die unsichere Kenntnis über Ausdehnung und Flächenabdeckung in den meisten Staaten. Nur Kenia, Mosambik, Südafrika und Tunesien konnten Daten zu Verlust und Zuwachs liefern. In vielen Ländern ist daher unklar, ob die Wiesen stabil sind oder schwinden.
Die Verbreitung der Seegraswiesen fällt mit einer großen Küstenbevölkerung zusammen: Mehr als 250.000 Menschen leben direkt an der Küste, und die Zahl derjenigen, die innerhalb von 50 Kilometern vom Meer entfernt wohnen, ist seit 2010 erheblich gestiegen. Zusammen mit regionalem Klimawandel und weiteren Belastungen droht den afrikanischen Beständen ein starker Rückgang. Dokumentierte Wiederansiedlungsversuche beschränken sich auf lediglich sechs Länder, nämlich Mosambik, Kenia, Südafrika, Tansania, Gambia und Tunesien. Es wurden ganz unterschiedliche Techniken erprobt, mit teils sehr abweichenden Ergebnissen. Die geringe Zahl der Versuche und die uneinheitlichen Resultate bedeuten nach Einschätzung von der Heydens, dass noch längst nicht klar ist, was bei der Wiederherstellung afrikanischer Seegraswiesen zuverlässig funktioniert.
Um die Lücken zu schließen, empfehlen die Forschenden unter anderem den Einsatz von Fernerkundung und künstlicher Intelligenz, um Ausdehnung und Dynamik der Wiesen zu messen, die dringende Identifizierung und Eindämmung der Ursachen des Verlusts sowie die Prüfung großflächiger Wiederherstellungsmaßnahmen. Ebenso wichtig sei eine Kultur der Verantwortung, die Naturschutz und die Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung verbindet, denn die Wiesen tragen Kleinfischerei und können über Kohlenstoffzertifikate an der blauen Wirtschaft teilhaben. Dafür brauche es jedoch politischen Willen, gesicherte Finanzierung und die Zustimmung zahlreicher Interessengruppen, insbesondere der Gemeinden in der Nähe der Bestände.
Abschließend fordern die Autorinnen und Autoren den sofortigen gezielten Schutz der noch vorhandenen Seegraswiesen. Der Erhalt bestehender Flächen sichere weiterhin Nutzen für Natur und Mensch und schaffe zugleich die Möglichkeit, Pflanzenmaterial für künftige Wiederansiedlungen zu gewinnen. Weltweit sind Seegraswiesen bedroht. Ihr Schutz und ihre Wiederherstellung gehören nach dem Fazit der Studie zu den wirksamsten Wegen, Mensch und Umwelt zugleich zu unterstützen.

