KOMMENTAR Der Boom beim Trockenbau mit Gipskartonplatten ist eng verknüpft mit prekären Arbeitsbedingungen, dem Einsatz ungelernter Hilfskräfte zu Niedriglöhnen und der rasanten Ausweitung des Naturgipsabbaus in ökologisch sensiblen Regionen wie der Gipskarstlandschaft südlich des Harzes. Während die großen Baustoffkonzerne Knauf, Saint-Gobain und Casea mit dem Rohstoff, der praktisch zum Nulltarif aus der Landschaft gewonnen wird, Milliardengewinne erwirtschaften und Bauunternehmen profitieren, werden die sozialen und ökologischen Folgen und deren Kosten auf die Gesellschaft abgewälzt
Die Umsatzzahlen der führenden Gipskonzerne belegen die enorme Profitabilität des Geschäfts. Knauf setzte 2024 im Geschäftsbereich Gips 11,21 Milliarden Euro um; das entsprach 72,1 Prozent des Konzernumsatzes. CASEA, eine REMONDIS-Tochter mit Schwerpunkt Gips und Anhydrit, gibt einen Jahresumsatz von rund 70 Millionen Euro an. Zwar wird dieser Geschäftsbereich nicht separat ausgewiesen, aber die Werk- und Abbaustandorte des Konzerns prägen das Landschaftsbild im Biodiversitäts-Hotspot, namentlich das Werk Walkenried mit den umliegenden Steinbrüchen in Südniedersachsen und Thüringen. Diese Gewinne basieren auf Rohstoffen, deren Abbaukosten im Verhältnis zum Marktwert minimal sind.
Der Naturgips wird im Tagebau mit Sprengungen und schwerem Gerät gewonnen, wobei die externen Kosten für Landschaftszerstörung und der Verlust von Lebensräumen nicht in die Bilanz der Unternehmen eingehen. Im Südharz werden allein jährlich rund 2,5 Millionen Tonnen Naturgips gefördert, was mehr als der Hälfte des deutschen Naturgipsaufkommens entspricht.
Dank der aggressiven Bewerbung des Rohstoffs Gips durch die Konzerne wandelte sich die Baubranche, ohne dass der Öffentlichkeit die weitreichenden Folgen dieses Wandels ausreichend bewusst geworden sind. Diese betreffen nicht nur die gravierenden ökologischen Schäden, sondern ebenso wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen.
Während früher qualifizierte Facharbeiter wie Maurer und Stuckateure Wände hochzogen und verputzten, erfordert der Ausbau mit Gipskartonplatten kaum Fachwissen und dauert einen Bruchteil der Zeit. Für eine Trockenbauwand mit Metallkonstruktion, beidseitiger Gipskartonbeplankung, Verspachtelung der Fugen und Hohlraumisolierung liegt der Arbeitszeitbedarf bei gerade mal einer Stunde pro Quadratmeter. Ein eingespieltes Trockenbau-Team kann damit binnen kürzester Zeit große Flächen fertigstellen. Bei einem Einfamilienhaus mit einer zu beplankenden Wohnfläche von 150 qm und einer durchschnittlichen Wandhöhe von 2,50 m ergibt sich eine Wandfläche von rund 400 bis 500 qm. Mit einem Team von zwei bis drei Arbeitern lässt sich diese Fläche in wenigen Tagen vollständig mit Gipskartonplatten ausstatten. Im Gegensatz dazu erforderten traditionelle Baugewerke eine mehrjährige Ausbildung und langjährige Erfahrung. Die Arbeit mit Gipskartonplatten kann hingegen von angelernten Hilfskräften nach kurzer Einarbeitungszeit ausgeführt werden.
Wer heute ein Haus bauen will, muss dennoch mit enormen Kosten für Arbeitsstunden rechnen: Bauunternehmen berechnen Bauherren zwischen 50 und 70 Euro pro Stunde, während sie ihren ungelernten Mitarbeitern gerade einmal 13,90 Euro brutto zahlen. Gehen wir in einer Beispielrechnung davon aus, dass das Unternehmen dem Bauherrn 65 Euro netto je Stunde in Rechnung stellt, nimmt er bei jeweils 160 Arbeitsstunden monatlich 20.800 Euro netto ein. Werden zwei ungelernte Mitarbeiter lediglich zum gesetzlichen Mindestlohn bezahlt, entstehen einschließlich pauschal angesetzter Arbeitgeberanteile direkte Personalkosten von rund 5.500 Euro. Die rechnerische Differenz beträgt damit durchschnittlich etwa 15.300 Euro pro Monat. Diese Summe ist theoretisch zwar nicht mit dem Unternehmensgewinn gleichzusetzen, da unter anderem Versicherungen, Verwaltung, Fahrzeugkosten und Steuern abgezogen werden müssen. Allerdings: Das deutsche Steuerrecht bietet Bauunternehmen erhebliche Möglichkeiten, den steuerpflichtigen Gewinn durch Abschreibungen und Investitionsvergütungen zu mindern, so dass der effektive Steuersatz gegen null tendieren kann. Genau in dieser Lücke zwischen Mindestlohn für Mitarbeiter und Inrechnungstellung von Arbeitslohn für den Bauherrn liegt der ökonomische Anreiz für standardisierte Verfahren mit Gipskartonplatten.
Der flächendeckende Einsatz von Gips birgt ein weiteres erhebliches Problem. Während minder qualifizierte Arbeitskräfte die Betriebskosten der Bauunternehmen senken, muss die Gesellschaft die Folgekosten tragen. Denn die Bauwirtschaft ist ein Schlüsselbereich der Volkswirtschaft, für Infrastruktur und Wohnraumversorgung. Die Verschlechterung der Qualifikationsstruktur der Beschäftigten betrifft ganz direkt Bauqualität und Bausicherheit. Fehlerquote und Mängel erhöhen sich, die Zahl notwendiger Sanierungen steigt. Und weil die meisten Mängel erst nach der Gewährleistungspflicht sichtbar werden, müssen letzten Endes die Auftraggeber, private Bauherren und öffentliche Hand, und nicht die Bauunternehmen die Kosten dafür tragen.
Wenn Unternehmen zunehmend auf Hilfskräfte setzen, die lediglich zum Mindestlohn arbeiten, sinkt der Anreiz, überhaupt in Ausbildung und Qualifikation zu investieren. Die Folge ist eine weitere Verknappung qualifizierter Arbeitskräfte, wie es derzeit ja bereits der Fall ist. Unter der zunehmenden Dequalifizierung leidet auch die Innovationsfähigkeit der Bauwirtschaft. Moderne Bauverfahren, wie etwa der energieeffiziente Holzbau oder die Digitalisierung der Bauprozesse, erfordern gut ausgebildete Fachkräfte. Wenn die Branche vorrangig auf ungelernte Arbeitskräfte setzt, verliert sie den Anschluss an technologische Entwicklungen. Das gefährdet nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bauwirtschaft im internationalen Vergleich, sondern auch die Erreichung klimapolitischer Ziele im Gebäudesektor.
Ein weiteres gesellschaftliches Problem ist die soziale Absicherung der Beschäftigten. Hilfskräfte, die oft nur befristet oder über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt werden, haben ein höheres Risiko, in prekäre Arbeitsverhältnisse abzurutschen. Sie verfügen über geringere Rentenansprüche, weil sie weniger Beiträge in die Sozialkassen einzahlen. Das belastet langfristig die Sozialsysteme, insbesondere die Rentenversicherung. Die Bauindustrie hat zwar mit der SOKA-BAU ein branchenspezifisches System zur Absicherung der Arbeitnehmer, doch greift es nur, wenn die Beschäftigten tariflich oder sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Bei informeller oder Scheinselbstständigkeit fallen diese Schutzmechanismen weg.
Letztlich sind auch die ökologischen Folgen der Dequalifizierung sind erheblich. Der massive Ausbau von Trockenbauwänden mit Gipskartonplatten geht einher mit einem rasanten Anstieg des Naturgipsabbaus in so sensiblen Regionen wie der Gipskarstlandschaft südlich des Harzes. Denn der Gipsabbau verursacht irreversible Schäden an klimastabilen Laubwaldlebensräumen, die in ihrer Artenvielfalt nicht wiederherstellbar sind.

