Altkleider zwischen Boom und Ballast

Durch | September 29, 2026
Vielerorts quellen die Altkleidercontainer über. Credits: NEOSIAM, pixabay

Die Nachfrage nach Secondhand wächst, und doch stehen viele Läden im Bergischen Städtedreieck unter Druck. Eine neue Ausgabe von „Forschung aktuell“ des Instituts Arbeit und Technik untersucht, wie eine regionale Kreislaufwirtschaft für Alttextilien gestärkt werden kann. Grundlage sind unter anderem vier Roundtables mit fünfzehn Secondhand-Geschäften aus der Region im EFRE-Projekt FAB.Region Bergisches Städtedreieck. Gemeinsam mit Forschenden diskutierten die Betreiberinnen und Betreiber Sortierung, Aufbereitung, Verwertung nicht mehr verkäuflicher Ware, Warenlogistik, Marketing und gemeinsame Veranstaltungen. Schnell zeigte sich ein Widerspruch: Während Kundinnen und Kunden gebrauchte Kleidung suchen, häufen sich Stücke, die sich wegen Qualität oder Zustand nicht mehr verkaufen lassen. Fast Fashion und Ultra-Fast-Fashion verschärfen das Problem. Geringe Materialqualität und hohe Kunstfaseranteile erschweren Wiederverwendung und Recycling. Die Erlöse sinken, Sortier-, Lager- und Entsorgungskosten steigen. „Die Roundtables zeigen ein scheinbares Paradox: Die Nachfrage nach Secondhand wächst, gleichzeitig haben viele Läden große Mengen an Kleidung, die sich aufgrund von Qualität oder Zustand nicht mehr verkaufen lässt. Für eine regionale Kreislaufwirtschaft müssen wir deshalb vor allem diese Textilströme stärker in den Blick nehmen“, sagt Dr. Kerstin Meyer vom Forschungsschwerpunkt Raumkapital des IAT.

Ziel ist es, Textilien möglichst lange im Kreislauf zu halten. Was nicht mehr über die Ladentheke geht, soll nicht zu Abfall werden, sondern repariert, aufbereitet oder zu neuen Produkten weiterverarbeitet werden. Eine stärkere Wiederverwendung und hochwertige Verwertung können die Umweltwirkungen der Textilwirtschaft mindern. Die gemeinnützige GESA und das Projekt FAB.Region erproben deshalb gemeinsam Ansätze zur Verwertung anfallender Altkleider und wollen eine soziale und zirkuläre Altkleiderwirtschaft aufbauen, die regionale Wertschöpfung stärkt. Wie das im Alltag aussehen kann, soll das Repair-and-Share-Festival am 31. Oktober 2026 in Wuppertal zum Abschluss der Circular Week zeigen, unter dem Motto „Aus Altem wird Neues“. Die Veranstalter wollen in Nordrhein-Westfalen einen Reparaturrekord mit mindestens viertausend gemeldeten Reparaturen innerhalb eines Monats aufstellen und so deutlich machen, dass Reparieren eine praktische Alternative zum Neukauf ist. Eintragungen sind unter reparatur.fab-bergisch.org möglich. Mitmachen kann, wer Kleidung oder andere Gegenstände repariert, aufbereitet oder länger nutzbar macht. „Technische Lösungen allein reichen nicht. Secondhand, Reparatur und Upcycling müssen sichtbarer und im Alltag attraktiver werden. Veranstaltungen wie das Repair & Share Festival können zeigen, wie Kreislaufwirtschaft praktisch funktioniert und zum Mitmachen einladen“, sagt Vera Austrup vom Wuppertal Institut.

Vielerorts quellen die Altkleidercontainer über. Credits: NEOSIAM, pixabay
Vielerorts quellen die Altkleidercontainer über Credits NEOSIAM pixabay

Zugleich offenbaren die Gespräche den wirtschaftlichen Druck. Vielen Läden fehlen Personal und Räume, um die wachsenden Mengen abgegebener Kleidung zu bewältigen. Der Wert gebrauchter Textilien ist stark gefallen: 2016 lagen die Preise noch bei etwa dreißig bis fünfzig Cent pro Kilogramm, heute teilweise nur noch bei fünf bis zwölf Cent. Der Anteil nicht weiterverkaufbarer Ware ist deutlich gestiegen. FAB.Region unterstützt das Bergische Städtedreieck deshalb seit 2024 auf dem Weg zu einer regionalen zirkulären Textilwirtschaft. „Im Projekt geht es darum, die unterschiedlichen Kompetenzen in der Region sinnvoll miteinander zu verbinden: Secondhand-Läden können sich auf die Wiederverwendung konzentrieren, während andere Akteure Sortierung, Aufbereitung und Recycling vorbereiten. Solche arbeitsteiligen Lösungen wollen wir im Bergischen Städtedreieck weiter erproben“, erklärt Sven Lucas Erhard, Projektmanager FAB.Region bei der Bergischen Gesellschaft. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass eine regionale textile Kreislaufwirtschaft als arbeitsteilige Struktur funktionieren kann. Läden konzentrieren sich auf verkaufsfähige Ware, ergänzende Akteure übernehmen Sortierung, Aufbereitung und Verwertung. Weitere Potenziale liegen in Bildungsarbeit, gemeinsamer Sichtbarkeit und Kooperationen zwischen Secondhand-Läden, Werkstätten, Recyclern und weiteren Partnern. Die Ausgabe „Regionale zirkuläre Wirtschaft im Altkleidergeschäft – Wunsch oder Wirklichkeit?“ von Kerstin Meyer, Inga Seiffert, Sven Lucas Erhard, Juliane Palotz und Vera Austrup ist kostenlos unter iat.eu/publikationen/forschung-aktuell erhältlich. Das Projekt FAB.Region wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

Originalpublikation

Meyer, K., Seiffert, I., Erhard, S. L., Palotz, J. & Austrup, V. (2026): Regionale zirkuläre Wirtschaft im Altkleidergeschäft – Wunsch oder Wirklichkeit? Forschung Aktuell, 2026 (09). Gelsenkirchen: Institut Arbeit und Technik, Westfälische Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen. https://doi.org/10.53190/fa/202609

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