KosumentInnen meinen: Kurzes Mindesthaltbarkeitsdatum ist natürlicher

Durch | September 29, 2026
Das MDH wird missverstanden. Credits: Ben Prater, pexels

Ernährungsexperten warnen seit Jahren vor den Risiken stark verarbeiteter Lebensmittel, darunter Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes, und raten zu naturnäheren Produkten. Wie Kundinnen und Kunden Natürlichkeit erkennen oder zu erkennen glauben, hat nun eine Studie der UBC Sauder School of Business untersucht. Demnach dient vielen das Mindesthaltbarkeitsdatum als schnelle Faustregel – auch wenn das kein verlässlicher Hinweis ist. In einer Versuchsreihe verglichen Teilnehmende Kartoffelchips mit fünf und neun Monaten Haltbarkeit. Die kürzer haltbaren Chips galten als natürlicher und gesünder, die länger haltbaren als umweltfreundlicher und besser gegen Verschwendung. Bei Pastasoßen mit einem beziehungsweise drei Jahren Haltbarkeit wählten fast siebzig Prozent die kürzer haltbare Variante, wenn Natürlichkeit betont wurde. Stand der Umweltschutz im Vordergrund, sank dieser Anteil auf dreiundvierzig Prozent.

Das MDH wird missverstanden. Credits: Ben Prater, pexels
Das MDH wird missverstanden Credits Ben Prater pexels

Selbst wenn klar war, dass nur bessere Verpackung die längere Haltbarkeit erklärte, etwa ein Hochleistungsverschluss am Mayonnaiseglas, griffen die Befragten bei Betonung von Natürlichkeit zur kürzer haltbaren Mayo. Ebenso entschieden sie sich bei Müsliriegeln mit nahezu identischen Zutaten und Nährwerten für das Produkt mit kürzerer Lebensdauer. Die Forschenden vermuten, dass das Haltbarkeitsdatum als geistige Abkürzung für Natürlichkeit dient – und dabei eher Lebensmittel gewählt werden, die später im Müll landen. „Wir liefern alle Informationen für eine rationale Wahl. Zutatenlisten, Nährwertangaben. Aber das muss erst mal verstanden werden“, gibt Associate Professor Yann Cornil von UBC Sauder, der Verfasser der Studie, zu bedenken. Wie im Supermarkt verließen sich die Teilnehmenden auf Randhinweise wie Haltbarkeit, Verpackung und Werbung.

Die Arbeit trifft auf eine Ernährung, in der in Kanada rund sechsundvierzig Prozent der täglichen Kalorien aus ultra-verarbeiteten Lebensmitteln stammen, in den USA etwa fünfundfünfzig Prozent. Solche Produkte entstehen oft aus extrahierten Zuckern, Ölen und Stärken, sind stark verändert, reich an Salz, gesättigten Fetten oder Zucker und ärmer an Nährstoffen. In der Ernährungswissenschaft hat sich der Blick von Fett und Zucker auf den Verarbeitungsgrad verschoben. Was als natürlich gilt, gilt oft als gesund; lange Haltbarkeit gilt als weniger natürlich. „Zum Teil haben sie recht, weil eine längere Haltbarkeit eher mit Ultraverarbeitung einhergeht – aber nicht unbedingt“, sagt Cornil. Verpackungen seien stark verbessert worden und konservierten Lebensmittel ähnlich wie einst der Kühlschrank. Den Zusammenhang zwischen Haltbarkeit und Natürlichkeit überschätzten Verbraucherinnen und Verbraucher dennoch, und das könne unnötige Verschwendung fördern. Wer natürliche Kost suche, bevorzuge kürzere Haltbarkeit, obwohl länger haltbare Produkte ebenso gut, gesund und natürlich sein könnten. Dann bleibe oft zu wenig Zeit zum Verzehr.

Viele missverstehen Mindesthaltbarkeit und werfen noch essbare Ware weg. Manche Hersteller schreiben deshalb auf die Packung, dass der Verzehr nach dem Datum noch sicher sei. Weniger seriöse Anbieter könnten davon profitieren, dass öfter nachgekauft wird. Bessere Verpackung mindert Abfall, überzeugt die Kundschaft aber nicht immer. Die Studie zeigt erstmals die Spannung zwischen Umweltfreundlichkeit und Natürlichkeit sowie die Macht dieser Haltbarkeitsheuristik. „Dass der Effekt bleibt, selbst wenn wir Nährwertangaben liefern und klar machen, dass die Verpackung und nicht die Verarbeitung die längere Haltbarkeit erklärt, ist wirklich interessant“, sagt Cornil. Genau diese irreführende Abkürzung erweise sich als hartnäckig.

Originalpublikation:

Journal of Consumer Psychology: Naturalness against environment-friendliness: The impact of shelf life on food perceptions and purchase decisions

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