Biennale: ARES in Chianciano

Durch | August 16, 2026
Poster for Chianciano Biennale 2026 announcing the selected artist, Marita Vollborn, with a sculptural artwork image in the center.

In den Hügeln der Toskana, wo die Luft nach Oliven und heißem Stein riecht und die Schatten der Etrusker noch unter den Gassen des mittelalterlichen Kerns von Chianciano Terme zu liegen scheinen, hat sich am Wochenende eine der unauffälligsten und zugleich präzisesten Gegenstimmen der Gegenwartskunst aufgestellt. Die neunte Chianciano Biennale, die vom 15. bis 29. August 2026 im Chianciano Art Museum und den Galerien der Altstadt rund dreihundert internationale Positionen versammelt, trägt in ihren Räumen eine Bronzefigur von kaum mehr als 34 × 29 × 30 Zentimetern. Sie heißt ARES.

Marita Vollborn, 1965 in Erfurt in der damaligen DDR geboren, hat diese Arbeit 2015 geschaffen und in limitierter Edition in Bronze gießen lassen. Der griechische Kriegsgott erscheint hier nicht als heldische Idealgestalt, sondern als rohe, ungezügelte Kraft: blutrünstig, ohne Gnade, getrieben von der Gier nach dem nächsten Opfer. Die Figur strahlt eine bedrohliche, komprimierte Energie aus, die das klassische Material Bronze gegen den Strich bürstet. Was einst Herrscher und Sieger verherrlichte, wird hier zum Denkmal einer moralischen Bankrotterklärung – dem unermüdlichen Zusammenspiel von Militarismus, Gewalt und Profit.

Vollborn gehört zu jenen Künstlerinnen, die ihre Biografie nicht hinter dem Werk verstecken. Aufgewachsen unter einem System, das Kunst, Philosophie und freies Denken zensierte, erlebte sie 1989 den Zusammenbruch der DDR. Sie studierte Pflanzenproduktion, arbeitete als Technologin, wurde dann investigative Journalistin und Autorin. Bücher über die „Gesundheitsmafia“, Konsummanipulation und gesellschaftliche Schieflagen fanden ihren Weg in die Bibliothek des Bundestags und die Library of Congress. Seit 2010 formt sie parallel dazu, was sich den Worten entzieht: das Projekt „Sinn und Scherben“. Rund fünfzig Ton- und Bronzearbeiten untersuchen menschliche Ambivalenzen – Stärke und Zerbrechlichkeit, Macht und Schuld, Hoffnung und Verlust. ARES steht am konfrontativen Ende dieses Spektrums.

Die Künstlerin hat kürzlich öffentlich gemacht, dass sie die Skulptur derzeit nicht in den Vereinigten Staaten ausstellen will. Nicht aus Feindseligkeit gegenüber dem amerikanischen Volk, dessen demokratische Entscheidung sie ausdrücklich respektiert, sondern aus Sorge um die Erosion jener institutionellen Gegengewichte, die Macht begrenzen sollen – besonders in der Außenpolitik. Großmacht-Rhetorik und die beiläufige Erwägung militärischer Optionen gegen souveräne Territorien seien, so Vollborn, ein No-Go. Kunst dürfe problematische Entwicklungen nicht schönreden. Gleichzeitig betont sie, dass sie sich freut, wenn amerikanische Besucher ARES in Chianciano sehen – nicht als Anklage gegen eine Nation, sondern als Spiegel menschlicher Gewaltfähigkeit und der Strukturen, die davon profitieren.

Diese Geste ist so leise wie konsequent. In einer Zeit, in der Biennalen oft zwischen Spektakel, Markt und moralischer Pose lavieren, beharrt Vollborn auf einer alten, unbequemen Aufgabe der Kunst: unbequeme Wahrheiten zu benennen, ohne sie zu verkaufen. „Kritische Kunst geht vor Kommerz“ ist einer ihrer Leitsätze. ARES ist nicht dekorativ. Es ist ein Gegenstand, der den Betrachter zwingt, die Frage zu stellen, wer eigentlich von Krieg und Eskalation profitiert – und warum mehr als achtzig Millionen Tote zweier Weltkriege nicht ausgereicht haben, den Rüstungswettlauf und die Kriegshetze zu beenden.

Im internationalen Ambiente der Biennale, zwischen den historischen Mauern und den weiten Räumen des Museums, kann diese kleine Bronze ihre eigentliche Kraft entfalten. Sie braucht keine Bühne, die größer ist als sie selbst. Sie braucht nur den Blick, der aushält, dass Gewalt und Gier keine abstrakten Begriffe sind, sondern Formen, die sich in Bronze gießen lassen. Und vielleicht, dass wir – Täter, Opfer und Zuschauer zugleich – immer noch fähig bleiben, uns davon abzuwenden.

ARES steht jetzt in Chianciano. Nicht als Held. Als Warnung. Und als Einladung zum Gespräch jenseits nationaler und kommerzieller Grenzen.

Poster for Chianciano Biennale 2026 announcing the selected artist, Marita Vollborn, with a sculptural artwork image in the center.
Marita Vollborn Selected Artist auf der Chianciano Biennale 2026 Credits Chianciano Art Museum Marita Vollborn
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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
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