Das Mittelmeer erwärmt sich seit den 1980er-Jahren deutlich schneller als der globale Ozean-Durchschnitt. Laut Copernicus-Climate-Change-Service und zugehörigen Analysen stieg die jährliche Meeresoberflächentemperatur (SST) des Beckens um rund 1,4 °C, während der nicht-polare Weltozean im selben Zeitraum etwa 0,6 °C zunahm. Die Erwärmungsrate liegt bei durchschnittlich etwa 0,4 °C pro Jahrzehnt, mit regionalen Variationen von 0,14 bis 0,65 °C/Dekade.
Die jüngsten Jahre setzen diesen Trend fort und verschärfen ihn. 2024 erreichte die jahresmittlere SST des Mittelmeers mit 21,50 °C einen Rekordwert. 2025 lag sie bei 21,35 °C und war damit die zweithöchste seit Beginn der Satellitenmessungen (Anomalie von +1,03 °C gegenüber dem Referenzzeitraum). Die ersten sechs Monate 2026 zählen bereits zu den drei wärmsten Halbjahren. Im Sommer 2026 wurden im westlichen Mittelmeer (u. a. Golf du Lion, Ligurisches Meer, nördliches Tyrrhenisches Meer) Anomalien von über 4 °C und lokal Oberflächenwerte zwischen 27 und 30 °C und darüber gemessen.
Marine Hitzewellen als neues Normal
Seit 2014 erfährt praktisch das gesamte Mittelmeer (98 % oder mehr der Fläche) in jedem Jahr marine Hitzewellen (Marine Heatwaves, MHWs). In den Jahren 2023 bis 2025 war das gesamte Becken mindestens von „starken“ MHWs betroffen; der Anteil von „severe“ oder „extreme“ Bedingungen lag in diesen Jahren bei 53–65 %. Auch in der ersten Hälfte 2026 waren rund 98 % des Beckens von MHWs betroffen, davon etwa 80 % von starken bis extremen Intensitäten – der zweithöchste Wert nach 2025 und 2024.
Die Erwärmung beschränkt sich nicht auf die Oberfläche. Messungen und Reanalysen zeigen einen Anstieg der Wärmegehalte (Ocean Heat Content) bis in Zwischen- und Tiefenwasser. 2025 markierte erneut einen Rekordwert für den OHC im Mittelmeer.
Ökologische und physische Auswirkungen
Die dokumentierten Folgen betreffen vor allem fundamentale Arten und Lebensräume. Wiesen der endemischen Seegrasart Posidonia oceanica – zentrale Habitat- und Kohlenstoffspeicher-Strukturen – sind besonders temperaturempfindlich. Studien belegen einen Rückgang der Bestände um bis zu 34 % in den vergangenen 50 Jahren, verbunden mit thermischem Stress, erhöhter Sterblichkeit und Fragmentierung der Bestände. Unter hohen Emissionsszenarien drohen weitere massive Habitatverluste.
Gleichzeitig findet eine „Tropicalisierung“ statt: Wärmeliebende und invasive Arten (u. a. über den Suezkanal eingewanderte Lesseps’sche Migranten) nehmen zu, während kälteaffine einheimische Arten zurückgehen. Mass-Mortality-Events bei Gorgonien, Schwämmen und anderen benthischen Organismen treten verstärkt im Zusammenhang mit MHWs auf. Fischbestände und kommerziell genutzte Arten zeigen Verlagerungen und Biomasserückgänge, die durch die Kombination aus Langzeiterwärmung und Hitzewellen verstärkt werden.
Die höheren Oberflächentemperaturen erhöhen zudem den Feuchte- und Energiegehalt der Atmosphäre. Dies begünstigt intensivere Niederschlagsereignisse („mediterrane Episoden“), die auch Regionen nördlich des Beckens erreichen können.
Ursachen und Kontext
Das Mittelmeer gilt als Klimawandel-Hotspot, weil es ein weitgehend abgeschlossenes Becken mit begrenztem Austausch über die Straße von Gibraltar ist. Die anthropogen verursachte Zunahme von Treibhausgasen führt dazu, dass die Ozeane den Großteil (rund 90 %) der überschüssigen Wärme aufnehmen. Die beschleunigte Erwärmung seit etwa 2021/2022 fällt mit global hohen SST-Werten zusammen und wird durch atmosphärische Bedingungen (Hochdrucklagen, geringe Windgeschwindigkeiten) regional verstärkt.
Die Faktenlage ist eindeutig: Die Oberflächen- und Tiefenwassererwärmung des Mittelmeers ist gemessen, die Häufigkeit und Intensität von marinen Hitzewellen haben zugenommen, und die ökologischen Reaktionen (Habitatverlust, Artenverschiebungen, Mortalitätsereignisse) sind in zahlreichen Studien und Monitoring-Programmen (Copernicus Marine Service, Argo-Floats, nationale Beobachtungsnetze) dokumentiert. Die weitere Entwicklung hängt von der globalen Emissionsentwicklung und der regionalen Umsetzung von Anpassungs- und Schutzmaßnahmen ab.

