FOTO DES TAGES Gekappte Bäume bergen Gefahren für die Sicherheit und sterben schneller

Durch | Oktober 21, 2026
Leider ein gewohntes Bild in Städten und Gemeinden. Hier: Seesen, Landkreis Goslar. Credits: Pugnalom

An vielen Straßen, in städtischen Grünanlagen und selbst in Privatgärten sind sie ein vertrauter Anblick: Bäume, deren Kronen radikal eingekürzt wurden. Nur die Hauptäste sind der Motorsäge entgangen. Aus ihnen wachsen in den Folgejahren dichte Büschel dünner Triebe. Was auf den ersten Blick wie eine pragmatische Lösung gegen Höhenwachstum und für mehr Verkehrssicherheit wirkt, ist aus baumbiologischer Sicht eine der schädlichsten Maßnahmen, die man einem Baum antun kann. Experten und wissenschaftliche Studien belegen seit Jahrzehnten, dass solche „Kappungen“ die Vitalität und Lebenserwartung der Bäume drastisch einschränken – mit langfristigen Folgen für Sicherheit, Kosten und Ökologie.

Leider ein gewohntes Bild in Städten und Gemeinden. Hier: Seesen, Landkreis Goslar. Credits: Pugnalom
So schneidet man Bäume krank Hier Seesen Landkreis Goslar Credits Pugnalom

Bei einer Kappung werden große Äste oder die gesamte Krone ohne Rücksicht auf die natürliche Verzweigungsstruktur abgeschnitten. Der Baum verliert auf einen Schlag einen großen Teil seiner Blattmasse und damit seine Fähigkeit, über Photosynthese Nahrung zu produzieren und für den Winter einzuspeichern. Im Frühjahr dann werden wichtige Energiereserven verbraucht, um notdürftig viele neue Triebe zu bilden, sogenannte Wasserreiser oder Ständer. Diese Neutriebe entstehen aus schlafenden Knospen der Rinde oder aus sogenannten adventiven Knospen infolge der Verletzung. Ein normaler Ast dagegen wächst von Anfang an mit; der Stamm lagert Jahr für Jahr neue Holzschichten um die Basis herum ab. Der Ast ist dadurch wie ein tief hineingetriebener Keil fest im Holzkörper des Stammes eingemauert. Die Astbasis von Wasserreisern dagegen sitzt nur auf den äußersten, jüngsten Jahresringen des Stammes auf. Außerdem gehen die Holzfasern des Stammes bei einem gesunden, natürlich gewachsenen Ast fließend in diesen über. Bei Wasserreisern ist dieser Übergang abrupt und die Gewebeverbindung oberflächlich, was eine mechanische Sollbruchstelle schafft.

Ein weiteres Problem sind die vielen großen Schnittwunden. Es gibt zwar Baumarten, die Schnittwunden eher vertragen als andere; hier wird von Verantwortlichen oft die Linde als unverwüstlich dargestellt. Fakt ist aber, dass keine einzige Baumart Schnitte so gut kompensieren kann, als wäre sie natürlich gewachsen. Bäume sind nicht in der Lage, Wunden komplett zu heilen oder zu regenerieren. Sie können sie lediglich isolieren („abschotten“) und von außen überwallen. Eine große Schnittwunde bleibt im Inneren des Stammes immer eine Schwachstelle und ein potenzieller Eintrittsort für holzzersetzende Pilze.

Ein dritter Aspekt betrifft das Gleichgewicht von Krone und Wurzeln, das aus dem Lot gerät, wenn dem Baum plötzlich große Teile seiner Krone geraubt werden. Teile des Wurzelsystems sterben ab; auch dadurch sinkt die Standfestigkeit. Der Baum überlebt oft zunächst, verliert aber an Vitalität, wird anfälliger für Krankheiten und Schädlinge und altert vorzeitig. Der renommierte Baumbiologe Alex Shigo bezeichnete Topping, die englische Bezeichnung für Kappung, als die schwerste Verletzung, die man einem Baum zufügen kann.

Mehrere Studien untermauern diese Zusammenhänge. Eine Untersuchung von Karlovich, Groninger und Close aus dem Jahr 2000 in Gemeinden im Süden von Illinois, veröffentlicht im Journal of Arboriculture, ergab, dass 27 Prozent der untersuchten Bäume Spuren von Topping aufwiesen. Gekappte Bäume wurden nahezu dreimal häufiger als strukturell gefährdet eingestuft und waren 192 Prozent häufiger in schlechtem Zustand. Anzeichen von Insekten- und Krankheitsbefall sowie Hohlräumen im Stamm traten deutlich häufiger auf. Untersuchungen an der TU Dresden unter Andreas Roloff zeigten, dass gekappte Linden langfristig signifikant mehr großräumige Fäulen und Höhlungen aufweisen als ungekappte Exemplare. Solche Bäume entwickeln sich oft zu aufwendigen Pflegefällen mit erhöhten Kontroll- und Sicherungskosten und werden an verkehrsreichen Standorten zu Sicherheitsrisiken. Neuere physiologische Studien, etwa von Francesco Ferrini und Kollegen an städtischen Linden und Ahornen, belegen zudem ökologische Folgen: Nach starken Kappungen, bei denen rund 85 Prozent der Krone entfernt wurden, war die Fähigkeit der Bäume, Schatten zu spenden und durch Verdunstung die Umgebung zu kühlen, stark reduziert. Die latente Wärmeabgabe sank um etwa 74 bis 81 Prozent. Selbst wenn einzelne Blätter vorübergehend intensiver photosynthetisierten, lag die Gesamt-CO?-Aufnahme des Baumes deutlich niedriger. Die Bäume investierten verstärkt in schnelles, schwach strukturiertes Kronenwachstum auf Kosten des Stammdickenzuwachses.

In Deutschland ist die ZTV-Baumpflege – die Zusätzlichen Technischen Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege – das zentrale technische Regelwerk für fachgerechte Baumpflegearbeiten, insbesondere bei öffentlichen Aufträgen. Sie definiert anerkannte Methoden der Kronenpflege, Einkürzung und Sicherung und grenzt sie klar von unsachgemäßen Eingriffen ab. Kappungen, also das umfangreiche Absetzen der Krone ohne Rücksicht auf Habitus, Zugäste und baumphysiologische Erfordernisse, gelten nach der ZTV-Baumpflege nicht als fachgerechte Maßnahme. Sie entsprechen nicht dem Stand der Technik und werden als baumzerstörend eingestuft. Stattdessen fordert das Regelwerk schonende, auf Zugäste ausgeführte Schnitte, die die Vitalität und Stabilität des Baumes langfristig erhalten. Auch die FLL-Richtlinien stützen diese Haltung. Ausnahme bilden nur spezielle, traditionelle Schnittformen wie der Kopfschnitt bei Weiden oder der fachgerechte Verjüngungsschnitt bei Obstbäumen.

Straßenbäume und städtische Alleen erbringen wichtige Ökosystemleistungen: Sie kühlen die Umgebung an heißen Tagen, binden Feinstaub und CO?, fördern die Biodiversität, verbessern die Luftqualität und tragen zur Aufenthaltsqualität bei. Jede radikale Kappung reduziert diese Leistungen für Jahre und verkürzt die Lebensdauer der Bäume. Das bedeutet häufigere Nachpflanzungen, höhere Folgekosten für Kontrolle und Sicherung und langfristig weniger Grünvolumen. Bauhöfe und Straßenmeistereien tragen hier eine besondere ökologische und fachliche Verantwortung. Falsche Argumente der Verkehrssicherungspflicht und des Kostendrucks dürfen nicht zu Maßnahmen führen, die den Baum langfristig schwächen, neue Gefahren schaffen und tatsächlich die Kosten für die Pflege in die Höhe treiben. Die Einhaltung der ZTV-Baumpflege ist dabei der fachliche Mindeststandard. Dazu gehören die Auswahl standortgerechter Baumarten und -sorten, frühzeitige Erziehungsschnitte, der Einsatz qualifizierter Baumpfleger und der konsequente Verzicht auf Kappungen zugunsten fachgerechter Alternativen oder, wo nötig, einer kontrollierten Fällung mit Ersatzpflanzung. Langfristig ist der Verzicht auf radikale Schnitte wirtschaftlicher und ökologisch sinnvoller. Gekappte Bäume werden oft teurer in der Unterhaltung und erreichen seltener ein hohes Alter. Eine nachhaltige Baumpflege nach den Vorgaben der ZTV-Baumpflege schützt sowohl die Verkehrssicherheit als auch die Ökosystemleistungen, die gerade in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger werden.

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