Geschredderte Säume im Naturschutzgebiet: Landkreis Göttingen missachtet eigene Schutzpflichten

Durch | März 3, 2026
Statt Pflege Zerstörung: Einsatz von Schlegelmulchern im NSG Gipskarst: Credits: Pugnalom

Tatort NSG Gipskarstlandschaft bei Ührde: Wieder einmal wurden hier, dieses Mal an einem Wanderweg über den Rötzel, über ca. 600 m Feldrandgehölz mit einem Schlegelmulcher bearbeitet. Der Einsatz von Schlegelmulchern an Feldgehölzen in einem Naturschutzgebiet ist fachlich wie ethisch kaum zu rechtfertigen, weil er genau jene Strukturen zerstört, die Schutzgebiete eigentlich bewahren sollen. Wo Äste und Bodentriebe flächig zerfetzt werden, entstehen nicht nur unzählige Wunden an Gehölzen, sondern es wird auch das gesamte daran sitzende Leben – von überwinternden Insektenstadien bis hin zu Spinnen und Kleintieren – buchstäblich geschreddert. Diese mechanische Brutalität steht im direkten Widerspruch zu den Schutzzielen, die in Naturschutzgebieten in der Regel explizit die Förderung strukturreicher Säume, Hecken und Feldgehölze sowie den Erhalt von Alt- und Totholzelementen vorsehen.

Statt Pflege Zerstörung: Einsatz von Schlegelmulchern im NSG Gipskarst: Credits: Pugnalom
Statt Pflege Zerstörung Einsatz von Schlegelmulchern im NSG Gipskarst Credits Pugnalom

Aus pflanzenphysiologischer Sicht erzeugt der Schlegelmulcher keine präzisen Schnitte, sondern ein Mosaik stumpfer Risse, Quetschungen und Faserabrisse; die so entstehenden großen, unsauberen Wundflächen sind ideale Eintrittspforten für holzzerstörende Pilze und andere Pathogene und schwächen die Vitalität der Gehölze langfristig. Gerade in Schutzgebieten, wo Feldgehölze oftmals Relikte historischer Landschaftsstrukturen sind, ist diese zusätzliche Belastung gravierend, weil sie nicht kurzfristig durch Nachpflanzungen „ausgeglichen“ werden kann, ohne die gewachsene ökologische Kontinuität zu durchbrechen. Hinzu kommt, dass die wiederholte Bearbeitung an derselben Schnittlinie zu einem „Verstocken“ der Sträucher führt: Die Gehölze vergreisen an der Außenschicht, bilden weniger Blüten und Früchte und verlieren die für viele Tierarten entscheidende gestufte Vertikalstruktur.

Besonders problematisch im Naturschutzgebiet ist der Verlust der an den äußeren Zweigen und Bodentrieben gebundenen Insektenfauna. Zahlreiche Lepidopteren und andere Insektenarten überwintern als Ei, Larve oder Puppe an den Zweigen oder in unmittelbarer Nähe der Gehölzoberfläche; ein Schlegelmulcher vernichtet diese Stadien flächendeckend und reduziert damit direkt das lokale Artenspektrum und die Biomasse. In Schutzgebieten, in denen viele dieser Arten als Ziel- oder Verantwortungsarten geführt werden, wirkt die Anwendung solcher Technik wie ein jährlich wiederholter „Reset“ der Insektenfauna, statt wie vorgesehen die Entwicklung reich strukturierter, artenreicher Saum- und Gehölzsysteme zu fördern. Die zusätzlich entstehende dicke Schicht aus geschreddertem Material unterdrückt zudem die krautige Saumvegetation, die in vielen Studien als zentrale Ressource für Bestäuber, Laufkäfer und andere Gliederfüßer hervorgehoben wird.

Feldgehölze in Naturschutzgebieten sind nicht nur Insektenhabitate, sondern auch Brut- und Rückzugsräume für eine Vielzahl von Vogelarten. Für Hecken- und Feldgehölzbrüter sind intakte Seitenäste, dichte Bodentriebe und ein ausgewogenes Verhältnis aus dichter und lichter Struktur entscheidend; diese Architektur wird durch wiederholtes, hart geführtes Mähmulchen zerstört. Potentielle Brutplätze werden unmittelbar vernichtet, und durch den Verlust von Insekten sowie Beeren sinkt gleichzeitig die Nahrungsverfügbarkeit über das Jahr. Für Fledermäuse, die in Schutzgebieten häufig als Zielarten geführt werden, bedeuten homogen niedergehaltene, kantige Strauchlinien den Verlust von orientierungswirksamen Leitlinien und reich strukturierten Jagdräumen.

Im Ergebnis steht der Einsatz von Schlegelmulchern an Feldgehölzen im Naturschutzgebiet paradigmatisch für ein technokratisches Fehlverständnis von Pflege: Unter dem Deckmantel der „Ordnung“ wird ein hochkomplexes, artenreiches System auf eine pflegeleichte, verarmte Reststruktur reduziert. Eine naturschutzfachlich verantwortbare Pflege in Schutzgebieten müsste hingegen auf selektive, manuell oder mit schonenden Techniken durchgeführte Eingriffe setzen und darauf ausgerichtet sein, Strukturen zu ergänzen statt sie in wiederkehrenden Mulchaktionen zu vernichten.

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