Brüssel – Durch den menschengemachten Klimawandel erleben weltweit bis zu 560 Millionen Kinder im Alter von null bis neun Jahren mindestens einen zusätzlichen Monat mit gefährlichem Hitzestress. Das entspricht 43 Prozent dieser Altersgruppe. Die Analyse der Vrije Universiteit Brussel um Rosa Pietroiusti und Wim Thiery erschien in Science Advances (DOI: 10.1126/sciadv.aeb3232).
Die Belastung ist höher als in jeder anderen Altersgruppe. Zum Vergleich: Bei 60- bis 69-Jährigen betrifft ein zusätzlicher Hitzemonat 190 Millionen Menschen oder 30 Prozent. Der Studie zufolge hat der Klimawandel die Zahl der Kinder, die insgesamt mindestens fünf Monate Hitzestress ausgesetzt sind, fast verdreifacht: von 120 Millionen (9 Prozent) in einer Welt ohne Klimawandel auf 350 Millionen (27 Prozent) heute. Bei den 60- bis 69-Jährigen sind es 120 Millionen oder 18 Prozent.
Bei 1,5 Grad globaler Erwärmung stiege die Zahl der 0- bis 9-Jährigen mit mindestens einem Extra-Monat auf 620 Millionen (49 Prozent), bei zwei Grad auf 650 Millionen (59 Prozent). Fünf oder mehr Monate Hitzestress träfen dann 390 Millionen (31 Prozent) beziehungsweise 420 Millionen (37 Prozent) Kinder. Auch bei einer alternden Weltbevölkerung blieben Kinder überproportional betroffen.
Die stärksten Zunahmen feuchter Hitze verzeichnen tropische und ärmere Länder mit junger Bevölkerung. Die höchsten absoluten Zahlen liegen heute in Südasien, Südostasien und Westafrika.
Die Forschenden kombinierten Bevölkerungsdaten mit Klimamodellen und Attributionsmethoden, die den Anteil des Klimawandels an Hitzebelastung abschätzen. Im Mittelpunkt steht feuchte Hitze: Sie erschwert das Schwitzen und damit die Abkühlung des Körpers.
Hintergrund
Kleine Kinder erhitzen sich schneller als Erwachsene und schwitzen weniger effizient. Sie sind auf Betreuung angewiesen. Überhitzung kann zu Dehydration, Hitzschlag und Organschäden führen und Lernen sowie kognitive Entwicklung beeinträchtigen. Die Studie ist nach Angaben der Autoren die erste globale Altersgruppen-Analyse, die Hitzebelastung direkt dem Klimawandel zuschreibt – für die Gegenwart und für 1,5- sowie 2-Grad-Pfade.
Bewertung
Die Arbeit verschiebt den Blick von einzelnen Hitzewellen auf die jährliche Expositionsdauer einer besonders verwundbaren Gruppe. Die regionalen Schwerpunkte in tropischen Ländern mit geringer historischer Verantwortung für Emissionen sind politisch relevant.
Methodisch misst die Studie Exposition, nicht unmittelbar gemessene Erkrankungen oder Todesfälle bei den genannten 560 Millionen Kindern. „Gefährlicher Hitzestress“ ist eine klimatologische Schwelle, keine individuelle Diagnose. Unsicherheiten stecken in Modellen, Bevölkerungsprognosen und der Frage, wie sehr Wohnraum, Beschattung und Gesundheitssysteme die tatsächliche Gesundheitslast abfedern. Die Kernaussage bleibt dennoch robust: Zusätzliche feuchte Hitze trifft Kinder schon heute überproportional – und wächst mit jedem weiteren Zehntelgrad Erwärmung. Schutz braucht deshalb beides: schnellere Emissionsminderung und konkrete Hitzevorsorge dort, wo Kinder am stärksten exponiert sind.
Credits
Pietroiusti et al 2026

