Schimpansen und Walen trauen wir zu, dass sie Entscheidungen treffen und bewusst handeln. Das Verhalten einfacherer Lebewesen erklären wir hingegen oft mit Instinkten oder Reflexen. Ob schon einfachste Organismen ihr Leben aktiv gestalten, ist Thema des Workshops „The Roles of Organismal Agency in Biological Practice“ (Die Rolle der Handlungsfähigkeit von Organismen in der biologischen Forschung), der am 12. und 13. Oktober am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld stattfindet.
Muss ein Organismus, um handeln zu können, eine Vorstellung von seinen Zielen haben und Pläne machen? Oder ist Handlungsfähigkeit, im Englischen Agency, eine Eigenschaft, die man allen Lebewesen zuschreiben sollte, also auch Bakterien, Pilzen, Pflanzen und einfachen Tieren? Diese Idee wird in der Biologie derzeit intensiv diskutiert, auch als Alternative zu reduktionistischen und mechanistischen Erklärungen von Verhalten. „Dies ist ein interessanter Gedanke, aber es wird selten darüber gesprochen, was er genau für die biologische Forschung bedeutet“, sagt die Philosophin Professorin Dr. Marie I. Kaiser von der Universität Bielefeld. Handlungsfähigkeit sei ein sehr abstrakter Begriff. Bislang sei weder klar, wie man sie messen könne, noch ob sich neue Phänomene finden oder neue Forschungsfragen stellen ließen, wenn man eine solche Fähigkeit auch bei einfachen Organismen annehme.
Den Workshop leitet Kaiser gemeinsam mit den Bielefelder Philosophen Dr. Guido I. Prieto und Henrik Hörmann. Die drei haben Kollegen aus Biologie und Philosophie ans ZiF eingeladen, um den Begriff der Handlungsfähigkeit und seine Verwendung in der Forschung genauer zu betrachten. Gemeinsam wollen die Teilnehmenden analysieren, ob die Zuschreibung von Handlungsfähigkeit dazu beitragen kann, besser zu verstehen, wie Organismen sich erhalten, sich entwickeln und auf ihre Umwelt einwirken. „Die Kluft zwischen der Diskussion um den theoretischen Begriff ‚Agency‘ und der biologischen Praxis können wir nur interdisziplinär überwinden“, so Kaiser.
An der Universität Bielefeld wird zu Individualisierung und zur Entwicklung von Organismen in ihrer Umwelt gebündelt im strategischen Fokusbereich InChangE geforscht.

