
Forscher haben den jüngsten Nachweis eines Stachelbilchs in Europa gefunden. Der 11,6 Millionen Jahre alte obere Backenzahn stammt aus der Tongrube Hammerschmiede im Allgäu. Die Fundstelle ist durch die Entdeckung der Menschenaffen Danuvius guggenmosi und Buronius manfredschmidi bekannt. Die Studie von Professorin Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und Dr. Jérôme Prieto von der Ludwig-Maximilians-Universität München erschien im Fachjournal Fossil Imprint.
Stachelbilche gehören zu den Nagetieren und sind heute extrem selten. Die einzige lebende Art, der Südindische Stachelbilch (Platacanthomys lasiurus), kommt in Südindien vor. Eine zweite Gruppe, die ostasiatischen Blindmäuse (Typhlomys), lebt in China und Vietnam. Beide sind nachtaktiv und bewohnen schwer zugängliche Gebirgswälder bis über 3000 Meter Höhe. Der Südindische Stachelbilch hat einen buschigen, stachelig wirkenden Schwanz. Die Blindmäuse nutzen wie Fledermäuse Echoortung zur Orientierung – als einzige Landsäugetiere neben Fledermäusen.

Die Stachelbilche waren in Europa einst weiter verbreitet. Die ältesten Funde stammen aus 17,5 bis 13,3 Millionen Jahre alten Sedimenten. Der neue Zahn aus der Hammerschmiede ist der bislang jüngste europäische Nachweis. In der Fundstelle ist die Art sehr selten: Dem einen Zahn stehen rund 5000 Zähne anderer Nagetiere gegenüber. Das Habitat der Hammerschmiede – eine Niederungslandschaft mit mäandrierenden Flüssen – war für Stachelbilche ungünstig. Frühere Funde der Gattung Neocometes konzentrieren sich auf felsige oder gebirgige Ablagerungen, etwa in der Fränkischen Alb oder am Vogelsberg.
Der Fund erhöht die Zahl bekannter Wirbeltierarten aus der Hammerschmiede auf 158. Unter den 90 Säugetierarten sind Nagetiere mit 27 Arten fast so divers wie Raubtiere mit 30 Arten. Die hohe Biodiversität wird im Exzellenzcluster TERRA der Universität Tübingen ab 2026 erforscht.
Die Grabungen in der Hammerschmiede bei Pforzen laufen seit 2011 unter Leitung von Madelaine Böhme. Seit 2017 finden sie teilweise als Bürgergrabungen statt und werden seit 2020 vom Freistaat Bayern finanziert. Bisher wurden rund 40.000 Fossilien geborgen. Der neue Nachweis unterstreicht die Bedeutung der Fundstelle für die Paläontologie und die Rekonstruktion vergangener Ökosysteme. Stachelbilche sind ein Beispiel für Arten, die durch Veränderungen von Lebensräumen verschwanden. Heute überleben sie nur in isolierten Refugien Asiens. Der Fund zeigt, wie dynamisch die Säugetierfauna Europas im Miozän war und wie eng sie mit Umweltveränderungen verknüpft ist.

