Besonders artenreiche Gebiete in Südwestdeutschland verlieren einer Langzeitstudie zufolge an Pflanzenvielfalt. Wie das Naturkundemuseum Stuttgart und die Universität Hohenheim mitteilten, haben Forschende mehr als 2,5 Millionen Pflanzenbeobachtungen aus fünf Jahrzehnten ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen in „Global Change Biology“ (DOI: 10.1111/gcb.71150).
Grundlage ist die vom Naturkundemuseum koordinierte „Floristische Kartierung Baden-Württemberg“, eines der ältesten Citizen-Science-Projekte Europas. Zwischen 1970 und 2023 erhoben Bürgerwissenschaftler und professionelle Botaniker Daten zu knapp 2.000 Gefäßpflanzenarten. Die Auswertung zeigt: Zwar haben einige Gebiete Arten hinzugewonnen, besonders vielfältige Regionen verloren jedoch tendenziell an Vielfalt – etwa die Schwäbische Alb und der Schwarzwald, wo charakteristische Arten und ökologische Besonderheiten zurückgingen.
„Die Frage, ob die Biodiversität insgesamt zunimmt oder abnimmt, greift zu kurz. Die Entwicklungen unterscheiden sich je nach Gebiet und betrachtetem Aspekt der Biodiversität“, sagte Viktoria Ferenc, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Naturkundemuseum Stuttgart sowie an der Universität Hohenheim. Eine steigende Artenzahl sei nicht automatisch positiv: Breiteten sich weit verbreitete Arten aus, während spezialisierte verschwänden, könnten Landschaften einen Teil ihres besonderen ökologischen Charakters verlieren.
Die Forschenden analysierten neben der Artenzahl auch evolutionäre Verwandtschaftsbeziehungen und die Vielfalt von Merkmalen wie Wuchshöhe, Blattmerkmalen und Samengröße. Diese Dimensionen entwickelten sich nicht immer gleich: Gebiete verloren trotz stabiler Artenzahl an ökologischen Strategien oder evolutionärer Vielfalt. Häufig breiteten sich stickstofftolerante, störungsangepasste, konkurrenzstarke oder nicht heimische Pflanzen aus; Lebensraumspezialisten, an Feuchtgebiete oder kühle Bedingungen angepasste Arten, Orchideen und Arten mit besonderer naturschutzfachlicher Bedeutung gingen dagegen oft zurück. „Daher ist es entscheidend, genau zu benennen, was geschützt werden soll“, sagte Pierre Liancourt, Letztautor der Studie.
Wie stark sich die Biodiversität veränderte, hing unter anderem vom lokalen Klima, der Landnutzung, der Belastung durch atmosphärischen Ammoniak, den Bodenbedingungen und der Topografie ab. Einen einzelnen Faktor, der alle Muster erkläre, gebe es nicht, sagte Co-Autor Jörn Pagel von der Universität Hohenheim. Die Studie unterstreiche den Wert langfristiger Monitoringprojekte, sagte Mike Thiv, Leiter der Botanik am Naturkundemuseum Stuttgart. Ohne das jahrzehntelange Engagement der ehrenamtlichen Botaniker wären viele Veränderungen unsichtbar geblieben. 2028 startet die Floristische Kartierung in die dritte Erfassungsrunde; dafür werden weitere Bürgerwissenschaftler gesucht. Zudem entwickelt das Museum eine App zur digitalen Erfassung von Pflanzenbeobachtungen. Unterstützt wurde die Arbeit von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

