Der Gott des Krieges bleibt diesseits des Atlantiks

Durch | Juli 27, 2026
Poster for Chianciano Biennale 2026 announcing the selected artist, Marita Vollborn, with a sculptural artwork image in the center.

Marita Vollborns „ARES“ und die Weigerung einer deutschen Bildhauerin, ihre Skulptur in den Vereinigten Staaten zu zeigen

In den Hügeln der Toskana, wo Etrusker und Renaissance-Humanisten noch durch die Olivenhaine zu flüstern scheinen, wird Mitte August 2026 eine Bronzefigur stehen, die wenig von der mediterranen Leichtigkeit hat. Marita Vollborns „ARES“, 2015 entstanden und nun in einer limitierten Bronzeguss-Edition auf der 9. Chianciano Biennale zu sehen, ist kein heroisierender Kriegergott. Er ist eine drohende, rohe Körpermasse, die Militarismus, Gewalt und die Gier nach Profit verkörpert, die hinter so vielen Konflikten steckt. Die Künstlerin, 1965 in Erfurt geboren und in der DDR aufgewachsen, nennt ihn ausdrücklich „keine einfache Anti-Kriegsbotschaft“, sondern eine Auseinandersetzung mit den tieferen Mechanismen: der systematischen Ausbeutung von Konflikten durch die Mächtigen.

Vollborn ist Selected Artist der Biennale, die vom 15. bis 29. August im Chianciano Art Museum und in den historischen Galerien der mittelalterlichen Altstadt stattfindet. Mehr als 300 internationale Künstler werden dort erwartet. „ARES“ gehört zu ihrem Zyklus „Sinn und Scherben®“, rund fünfzig Ton- und Bronzeskulpturen aus den Jahren 2010 bis 2019, die menschliche Ambivalenzen ausloten – Stärke und Zerbrechlichkeit, Macht und Schuld, Hoffnung und Verlust. Die Serie ist das Gegenstück zu ihrer früheren Arbeit als investigative Journalistin und Autorin, die Korruption in Wissenschaft, Gesundheitswesen und Lebensmittelindustrie enthüllte und deren Bücher in der Bibliothek des Bundestags und der Library of Congress liegen. In der Bildhauerei, sagt sie, lasse sie die Fakten hinter sich und forme mit den Händen, was sich den Worten entzieht.

Dass ausgerechnet dieses Werk in der Toskana gezeigt wird und zugleich einer möglichen Ausstellung in den USA verweigert wird, ist kein Zufall der Kalenderplanung. In einem Interview, das am 23. Juli 2026 veröffentlicht wurde, formuliert Vollborn ungewöhnlich klar: Sie überlege sehr sorgfältig, ob sie an Ausstellungen in den Vereinigten Staaten teilnehme. Solange die Checks and Balances dort nicht wieder zuverlässig funktionierten und Reisen für kritische Stimmen nicht vorhersehbar sicher und offen seien, bevorzuge sie europäische und internationale Plattformen, auf denen offener Diskurs noch möglich sei. „Das ist kein Boykott aus Feindseligkeit, sondern eine bewusste Entscheidung aus Prinzip. Kunst sollte nicht dazu benutzt werden, problematische Entwicklungen schönzureden.“

Die Begründung ist differenziert und deshalb schwer abzutun. Vollborn respektiert ausdrücklich das demokratische Wahlergebnis der Amerikaner. Was sie nicht akzeptiert, ist die Erosion der institutionellen Gegengewichte, insbesondere in der Außenpolitik. Sie nennt die erneuten Diskussionen um Grönland als Beispiel für „altes imperialistisches Denken in modernem Gewand“: nicht nur um Ressourcen, sondern um das Signal der Dominanz. Drohungen mit militärischen Optionen gegen souveräne Territorien seien für jede zivilisierte Gesellschaft inakzeptabel. „Kriege sind ein No-Go.“

Hier spricht die Biografie. Wer in der DDR unter Zensur aufwuchs und den friedlichen Herbst 1989 erlebte, kennt den Wert offener Institutionen aus eigener Erfahrung. Europas kritische Tradition – von Goya über Käthe Kollwitz bis zur Nachkriegsavantgarde – verpflichtet, so Vollborn, in Momenten, in denen amerikanische Politik die globale Stabilität berührt, besonders deutlich zu werden. „ARES“ sei nicht antiamerikanisch, sondern antimilitaristisch und antigierig, unabhängig vom Herkunftsort der Macht.

Man könnte einwenden, dass eine einzelne Bildhauerin aus Niedersachsen mit ihrer Weigerung wenig ausrichten werde. Doch gerade darin liegt die Stärke des Gestus. In einer Zeit, in der Kunstmärkte oft gefällige, dekorative Werke verlangen und Biennalen zum Teil selbst unter kommerziellem Druck stehen, beharrt Vollborn auf dem Satz: „Critical Art Comes Before Commerce.“ Ihre Skulptur ist bewusst nicht „schön“ im klassischen Sinne. Sie provoziert. Sie fragt: Wer profitiert eigentlich? Und sie stellt diese Frage lieber unter den Zypressen der Toskana als in einem Klima, das sie als eingeschränkt empfindet.

Ob diese Einschätzung der amerikanischen Realität gerecht wird, mag umstritten bleiben. Die zweite Amtszeit Donald Trumps hat zweifellos zu einer Zuspitzung geführt – in der Kulturpolitik, in der Rhetorik der Macht, in der Wahrnehmung von Bündnissen. Doch Vollborns Entscheidung ist keine pauschale Absage an Amerika. Sie bleibt offen für echten kulturellen Austausch. Gerade weil sie die demokratische Entscheidung des amerikanischen Volkes respektiert, will sie nicht, dass ihre Kunst als Feigenblatt für Entwicklungen dient, die sie für gefährlich hält.

In Chianciano wird „ARES“ also stehen – als Spiegel und Warnung zugleich. Die Besucher mögen die rohe Energie der Bronze spüren und sich fragen, warum dieser Gott des Krieges den Atlantik nicht überqueren soll. Die Antwort der Künstlerin ist nüchtern und konsequent: Weil Kunst, die Macht kritisieren will, Orte braucht, an denen diese Kritik noch möglich ist, ohne dass die Institutionen, die sie schützen, selbst ins Wanken geraten. Ob diese Orte auf Dauer in Europa stabiler bleiben, ist eine andere, beunruhigende Frage. Vorläufig jedenfalls bleibt Ares diesseits des Ozeans. Und das ist, in seiner Art, bereits eine politische Aussage.

Autoren-Avatar
LabNews Media LLC
LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände

Schreibe einen Kommentar