Gängige Modelle zur Abschätzung des Aussterberisikos von Arten unterschätzen die Gefährdung durch den Klimawandel bei Arten, deren Lebensräume sich verschieben. Das hat ein Forschungsteam der Universität Potsdam in einer aktuellen Studie nachgewiesen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution veröffentlicht.
Die Wissenschaftlerinnen Raya Keuth, Susanne Fritz und Damaris Zurell haben die Richtlinien der IUCN Red List zur Bewertung klimabedingter Aussterberisiken systematisch überprüft. Sie simulierten dazu virtuelle Arten mit unterschiedlichen Ausbreitungs-, Reproduktions- und Temperaturtoleranz-Eigenschaften.
Die Untersuchung ergab, dass die am häufigsten eingesetzten Artverbreitungsmodelle (Species Distribution Models, SDMs) das Aussterberisiko bei Arten mit räumlich verschobenen Lebensräumen unterschätzen. Grund dafür ist die Annahme einer linearen Beziehung zwischen Populationsgröße und Lebensraumverlust. Diese Annahme wird durch empirische Daten nicht gestützt. Tatsächlich führen bei wandernden Arten bereits kleine Verluste des Lebensraums zu starken Populationsrückgängen.
Zudem erwiesen sich die derzeitigen Schwellenwerte für quantitative Aussterberisiken, die mit räumlich expliziten Populationsmodellen (SEPMs) berechnet werden, als zu konservativ. Sie warnen häufig zu spät, um noch wirksame Schutzmaßnahmen ergreifen zu können.
Die Studie offenbart damit grundlegende Schwächen in den aktuellen Verfahren der IUCN Red List zur Abschätzung klimabedingter Aussterberisiken. Die Forschenden fordern eine Überarbeitung der Richtlinien, um künftig präzisere Vorhersagen treffen zu können. Sie schlagen vor, die bestehenden Modelle neu zu verknüpfen und geeignetere Maße zu verwenden.
„Unsere Forschung unterstreicht die Dringlichkeit, die Richtlinien der IUCN Red List zu verbessern, damit Naturschutzmaßnahmen rechtzeitig geplant und umgesetzt werden können“, so die Hauptautorin Raya Keuth vom Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam.
Die Studie zeigt, dass sowohl das Verschwinden als auch die Verschiebung von Lebensräumen das Aussterberisiko unterschiedlich beeinflussen – ein Aspekt, der in den aktuellen Standardverfahren bislang unzureichend berücksichtigt wird.

