„Pferde strahlen eine unglaubliche Ruhe und Widerstandsfähigkeit aus, und ich glaube, sie sind ein ideales Symbol für unsere stürmischen Zeiten“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Hannover anlässlich der Verleihung der Niedersächsischen Landesmedaille, berichtete EURACTIV.com Anfang April und zitierte EU-Präsidentin Ursula von der Leyen, die damit Parallelen zu ihren eigenen politischen Herausforderungen zog. Von der Leyen ist selbst passionierte Reiterin und Pferdezüchterin. Das Wappentier Niedersachsens – ein sich aufbäumendes weißes Pferd – ziert die Medaille, und von der Leyen betonte erneut ihre Leidenschaft für die Vierbeiner, die sie nach dem Tod ihres Ponys Dolly durch einen Wolf sogar zum Anlass nahm, den Schutzstatus der Wölfe in der EU herabstufen zu lassen.
Während von der Leyen und große Teile der Branche das Bild vom edlen Ross zeichnen und dessen Schönheit und sportliches Können preisen, sieht die Realität bei der Ausbildung von Renn- und Reitpferden oft anders aus. In Dressur, Springen und Galopprennsport werden Tiere regelmäßig mit Methoden trainiert, die erhebliche Schmerzen, Stress und langfristige Schäden verursachen – Praktiken, die nach dem Tierschutzgesetz eigentlich verboten sind, aber dennoch weit verbreitet sind und in aller Regel nicht geahndet werden.
Besonders umstritten ist die sogenannte Rollkur oder Hyperflexion, eine Trainingsmethode, bei der der Reiter den Kopf des Pferdes mithilfe der Zügel oder Hilfszügel, Schlaufzügel genannt, extrem tief herabziehen, sodass das Maul des Tieres teilweise seine Brust berührt. Der Hals wird dabei überdehnt, das Blickfeld stark eingeschränkt, Atmung und Schlucken werden behindert. Studien und tierärztliche Gutachten belegen massiven Stress und Angst: Pferde sind naturgemäß Fluchttiere, die auf ihre Sinne angewiesen sind, um potentielle Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Schränkt man durch zwanghaftes Herabziehen des Maules das Sichtfeld extrem ein, reagiert das Tier mit Angst. Dazu kommen Schmerzen im Maul- und Zungenbereich sowie mögliche bleibende Schäden an Nackenmuskulatur und Wirbelsäule. Das Fatale: Pferde entwickeln oft eine Art gefügige Hilflosigkeit und stumpfen ab – ein Zustand, der einer schweren Depression ähnelt.
Die Rollkur in fast allen Disziplinen eingesetzt, obwohl die Leitlinien des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zum Tierschutz im Pferdesport sie ausdrücklich verbieten, und sie auch von der Weltreitervereinigung FEI in vielen Wettbewerben untersagt ist. Dennoch zeigen Undercover-Aufnahmen aus Dressurställen immer wieder, wie Pferde stundenlang in dieser unnatürlichen Haltung geritten oder mit Hilfszügeln festgebunden werden.
Weitere gängige Werkzeuge verstärken den Druck: Scharfe Gebisse, die sogenannten Trensen wie Pelham- oder Wassertrensen, üben über Zügelzug einen hohen Druck auf Zunge, Gaumen und Mundwinkel aus und können Verletzungen verursachen. Zu enge Nasenriemen („Nosebands“) erschweren das Atmen zusätzlich. Die Reitpeitsche, offiziell als „Reitgerte“ bezeichnet und als „Hilfsmittel zur Unterstützung der natürlichen Hilfengebung“ gerechtfertigt, wird häufig überzogen eingesetzt – mit Schlägen, die Blutergüsse oder offene Wunden hinterlassen.
Auch Sporen mit Dorn oder Rädchen sind nach wie vor an der Tagesordnunbg. Sie bohren sich in die Flanken des Pferdes, um es zu mehr Schub oder Gehorsam zu zwingen. In Einzelfällen werden Zungenbänder („Tongue Ties“) oder improvisierte Varianten wie Schnürsenkel angelegt, mit denen die Zunge des Pferdes hochgebunden wird. Auch mit dieser Tortur soll das Tier gefügiger gemacht werden.
Bei Rennpferden kommen ähnliche Methoden hinzu: Junge Englische Vollblutpferde, die bekannten Thoroughbreds, werden früh und hart gebrochen und mit schweren Peitschenhieben auf der Galopprennbahn angetrieben, um Höchstgeschwindigkeiten zu erzwingen – oft auf Kosten von Sehnen- und Knochenverletzungen. Thoroughbreds gelten als die schnellsten und leistungsstärksten Rennpferde der Welt und bilden die Grundlage fast aller modernen Galopprennen – und kaum jemand nimmt Notiz von den tierquälerischen Methoden, mit denen sie zu Höchstleistungen angetrieben werden.
Die Branche präsentiert sich nach außen als Glitzerwelt zwischen Eleganz und Partnerschaft zwischen Mensch und Tier. Turniere feiern die vollendete, höchst harmonische Ausführung beim Dressurreiten, die sogenannte Lektion, und die triumphalen vierbeinigen und zweibeinigen Sieger. Doch hinter den Kulissen dominieren Qual und Leistungsdruck: Internationale Plätze rechtfertigen in den Augen vieler Ausbilder Mittel, die das Tier an seine physischen und psychischen Grenzen bringen. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und Rennsportverbände sprechen von „klassischer Reitausbildung“ und „artgerechter Nutzung“, während Tierschutzorganisationen wie der Deutsche Tierschutzbund und PETA von systematischer Tierquälerei berichten.
Rechtlich ist die Lage eindeutig: Das Tierschutzgesetz verbietet in § 3 ausdrücklich, Tiere auszubilden oder zu trainieren, wenn damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind. Die BMEL-Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport konkretisieren dies und fordern altersgerechte Ausbildung, Verzicht auf schmerzhafte Hilfsmittel und artgerechte Haltung. Dennoch fehlt es an wirksamen Kontrollen. Bei Turnieren und Rennen übernehmen Verbandsrichter und Turniertierärzte die Aufsicht – eine Form der Selbstkontrolle, die Kritiker als zahnlos bezeichnen. Medikationskontrollen finden zwar statt, doch Verstöße gegen Ausbildungsmethoden wie Rollkur oder übermäßigen Gerteeinsatz werden selten konsequent geahndet. Amtstierärzte kontrollieren bestenfalls stichprobenartig, und viele Missstände kommen erst durch Undercover-Recherchen ans Licht. Strafverfahren wegen Tierquälerei bleiben die Ausnahme; die Branche regelt sich weitgehend selbst.
Ursula von der Leyens Lob auf die „Ruhe und Widerstandsfähigkeit“ der Pferde klingt in diesem Kontext wie Hohn. In der Realität müssen die Tiere zu viel ertragen, und die Verfechter üblicher Trainingsmethoden bleiben unbehelligt. Solange Schönheit und Erfolg über Tierwohl gestellt werden, bleibt die Pferdeausbildung ein Feld, in dem Romantik und Realität weit auseinanderklaffen.
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