Die Zahl der Eisberge in der Arktis hat seit den frühen 2000er-Jahren deutlich zugenommen. Ursachen sind die Destabilisierung großer Gletscher in Nordostgrönland und Teilen der russischen Arktis sowie die zunehmende Mobilität des Meereises. Das berichtet ein Forschungsteam unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und der Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI) in der Fachzeitschrift „Nature“.
Viele Eisberge transportieren große Mengen an Geröll und Sediment, die beim Schmelzen auf den Meeresboden herabregnen. Dort schaffen die Steine neue feste Siedlungsflächen für Schwämme, Anemonen und andere sessile Lebewesen. Dadurch verändern sich langfristig die bestehenden Lebensgemeinschaften in der Tiefsee.
Die Wissenschaftler hatten 2021 auf einer Expedition des Forschungseisbrechers Polarstern in der Framstraße ungewöhnlich stark mit Gestein beladene Eisberge beobachtet. Vergleiche mit Aufnahmen aus dem Tiefsee-Observatorium „Hausgarten“ zeigten, dass die herabfallenden Steine bereits deutliche Spuren am Meeresboden hinterlassen haben. Größe und mineralogische Zusammensetzung stimmten überein.
Die Auswertung langjähriger Schiffsbeobachtungen der Polarstern ergab, dass seit den 2000er-Jahren deutlich mehr Eisberge die Framstraße passieren. Satellitengestützte Rückverfolgungen und Modellsimulationen deuten darauf hin, dass die Zunahme vor allem auf die beschleunigte Kalbung von Gletschern in Nordostgrönland infolge der globalen Erwärmung zurückgeht. Das schwindende Packeis begünstigt zusätzlich den Transport und das Schmelzen der Eisberge.
Die steigende Eisbergpräsenz erhöht auch Risiken für die Schifffahrt und die Fischerei, insbesondere für Kreuzfahrt- und Frachtschiffe sowie Grundschleppnetze in flacheren Gewässern. Die Ergebnisse unterstreichen die enge Verflechtung von Land-, Eis- und Tiefseeprozessen in der sich wandelnden Arktis.

