NSG Gipskarstlandschaft bei Ührde: Wie das Naturschutzziel „Offenhaltung der Landschaft“ geschützten Arten die Lebensgrundlage raubt

Durch | Juni 30, 2026
Fatal falsch: Beweidungsfläche im NSG Gipskarstlandschaft bei Ührde. credits: pugnalom.io

In der Gipskarstlandschaft bei Ührde führt falsche Beweidung mit Schafen zu deutlichen Schäden an der Vegetation. Das Foto zeigt abgefressene Blüten und Kräuter sowie niedergetrampelte Reste harter Gräser.

Schafe fressen hochselektiv: Sie bevorzugen zunächst die obersten Pflanzenteile und besonders Blütenköpfe nährstoffreicher Arten. Hierzu zählen neben den streng geschützten Knabenkräutern, der Bocks-Riemenzunge, verschiedenen Ragwurz-Arten, den Stendel- und Händelwurz-Arten und dem Fransen-Enzian auch solche, die für Insekten die Lebensgrundlage bieten wie Skabiose, verschiedene Kleearten, Steinquendel und Thymian. Auch Wiesenknopf und Gamander, Flocken- und Glockenblumen werden gezielt verbissen. Weniger schmackhafte oder bewehrte Pflanzen bleiben dagegen länger unberührt oder werden gar nicht gefressen.

Fatal falsch: Beweidungsfläche im NSG Gipskarstlandschaft bei Ührde. credits: pugnalom.io
Fatal falsch Beweidungsfläche im NSG Gipskarstlandschaft bei Ührde credits pugnalomio

Bei zu hoher Besatzdichte, zu häufigem Besatz oder ungeeigneten Zeiträumen – etwa intensiver Beweidung vor der Samenreife – können viele Wildblumen nicht versamen. Die Blütenvielfalt geht zurück, da die von den Tieren bevorzugten Kräuter und Blütenpflanzen übermäßig geschädigt werden. Hinzu kommt, dass sich an den Sammelstellen der Herde – vor allem unter den verbliebenen Sträuchern – Dung anhäuft, und der massive Tritt Kahlstellen schafft. Solche Sammelstellen entwickeln sich zu nitrophilen Standorten, auf denen Brennnesseln und andere stickstoffliebende Pflanzen wuchern. Brennnesseln werden zwar immer wieder als ökologisch wichtig beschrieben. Allerdings funktionieren sie als Heimstatt für die Raupen von Schmetterlingen wie den Kleinen Fuchs, den Admiral, das Landkärtchen und das Tagpfauenauge nur dort, wo sich auch viele Blüten befinden, die die erwachsenen Falter ernähren. Brennnesseln aber sind extrem konkurrenzstark und verdrängen allein über ihr dichtes Wurzelwerk die so wichtigen Blütenpflanzen. Gerade in der Kulturlandschaft haben sie längst die Herrschaft über Feldraine, Wald- und Wiesenränder übernommen.

Im Naturschutzgebiet „Gipskarstlandschaft bei Ührde“ wird seit Jahren auf die immer gleiche Weise verfahren. Weil der selektive Fraß die Kräuter benachteiligt, gewinnen Gräser und nitrophile Arten praktisch auf der gesamten beweideten Fläche die Oberhand. Das Resultat ist eine Verarmung, die mit Naturschutz wenig gemein hat: weniger Blüten, die Dominanz von Allerwelts-Arten und eine zunehmend homogene Grasvegetation.

Untersuchungen zeigen, dass positive Effekte auf die Artenvielfalt nur bei extensiver, rotierender und zeitlich und mengenmäßig angepasster Beweidung eintreten. Zu intensive Schafbeweidung führt hingegen zu Überweidung, Trittschäden und lokaler Nährstoffbelastung – ohne die gewünschte Förderung blütenreicher Bestände.

Das Naturschutzziel „Offenhaltung der Landschaft“, wie sie die Naturschutzbehörde des Landkreises Göttingen praktizieren lässt, ist insgesamt zu grob und einseitig. Es reduziert komplexe ökologische Prozesse auf die bloße Verhinderung von Verbuschung und ignoriert den selektiven Fraß, die Notwendigkeit von Samenproduktion sowie standortgerechte Dynamiken von Nährstoffen und Tritt. Ohne präzise Vorgaben zu Besatzdichte, Rotation und Zeiträumen und ein fortlaufendes Monitoring durch landwirtschaftlich und ökologisch gebildete Fachleute, die nicht nur begleiten und lernen, sondern auch aus den Beobachtungen die richtigen Schlüsse ziehen und diese an die Schafhalter verbindlich weitergeben, ist die artenreiche Karstvegetation unweigerlich dem Untergang geweiht.

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