Was für ein perfides Theaterstück sich hier abspielt: Mitten im Naturschutzgebiet Gipskarstlandschaft bei Ührde/Osterode am Harz wird der Boden weggesprengt, und dort, wo vordem Bienen-Ragwurz und Purpur-Knabenkraut wuchsen, sich Kammmolch und Zauneidechse tummelten, entstehen tiefe Schluchten aus freigelegtem Gestein.
Die 2015 von der unteren Naturschutzbehörde Göttingen genehmigte und vom BUND Westharz unter Dr. Friedhart Knolle sowie vom Nabu Osterode unter der damaligen Vorsitzenden Ursula Glock-Menger abgenickte Erweiterung des Dolomit-Abbaus am Härkenstein war keine pragmatische Kompromisslösung. Es war eine Kapitulation mit Ansage – und eine Katastrophe für den Naturschutz vor Ort. Hier wurde nicht „begleitet“ oder „abgefedert“. Hier wurde der weitere Verlust eines der wertvollsten Gipskarst-Lebensräume im Südharz akzeptabel gemacht.
Und dann stellt die Abbau-Firma Rump & Salzmann, Tochter des 15 Milliarden schweren Konzerns Knauf – ein edel gestaltetes Schild auf und errichtet eine Aussichtsplattform mit Bank. Von dort aus darf man den industriellen Raubbau bestaunen, während der Text suggeriert, hier würden Bergbau und Naturschutz Hand in Hand gehen.
Das ist Zynismus in Reinform.
Renaturierung bedeutet, zerstörte Ökosysteme so weit wie möglich in einen naturnahen Zustand zurückzuführen – Lebensräume wiederherstellen, Arten zurückkehren lassen, ökologische Funktionen sichern. Was hier geschieht, ist das Gegenteil: Zuerst wird der Jahrtausende alte Karst mit seinen Höhlen, Dolinen, spezialisierten Pflanzen und Tieren dem Abbau geopfert. Dafür wird der Anblick der Verwüstung mit einer Bank und einem Hochglanz-Schild kaschiert, als sei die Zerstörung selbst schon Teil eines verantwortungsvollen Konzeptes. Die Plattform lädt nicht zum Nachdenken über den Verlust ein – sie lädt dazu ein, die Katastrophe als Landschaftserlebnis zu konsumieren.
Der Naturschutzgedanke wird hier ad absurdum geführt. Ein Naturschutzgebiet, das man für den Rohstoffabbau freigibt und anschließend mit PR-Maßnahmen „aufwertet“, ist keines mehr. Es ist eine Kulisse. Ein freigesprengter Steinbruch mit Aussichtsplattform ist ein Denkmal der Prioritätensetzung: Wirtschaft vor Schutz, Image vor Substanz.
Wer hier behauptet, eine „Renaturierung“ wäre möglich, verhöhnt den Begriff Naturschutz. Diesen Vorwurf müssen sich all jene gefallen lassen, die den fortlaufenden Kahlschlag erst möglich gemacht haben: die untere Naturschutzbehörde Göttingen, der BUND Westharz und der Nabu Osterode – alles Institutionen, die sich dem angeblich dem Naturerhalt verpflichtet fühlen.
Stattdessen wird die Zerstörung ästhetisiert und dem Betrachter als verantwortungsvolles Handeln verkauft. Das ist Greenwashing, wie es radikaler nicht sein kann – und ein Lehrstück dafür, wie leicht sich der Schutzgedanke aushöhlen lässt, wenn man ihn nur schön genug verpackt.

