Freiburg/Gothenburg (LabNews Media LLC) – Mehr als 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 27 europäischen Forschungseinrichtungen haben in einem Beitrag im Fachjournal Science vor den geplanten Änderungen im europäischen Pflanzenschutzmittelrecht gewarnt. Die EU-Kommission will mit ihrem „Food and Feed Safety simplification package“ die Zulassungsverfahren für Wirkstoffe vereinfachen und den Verwaltungsaufwand reduzieren. Die Forscher sehen darin jedoch eine erhebliche Schwächung bestehender Schutzstandards.
Im Mittelpunkt der Kritik steht der Wegfall der regelmäßigen Wiederzulassungsprüfung von Wirkstoffen. Bisher müssen diese alle 15 Jahre neu bewertet werden. Der Entwurf sieht vor, dass die meisten Wirkstoffe künftig unbefristet zugelassen werden sollen, ohne systematische Überwachung oder automatische Nachprüfungen. Zudem soll die Beweislast für Risiken stärker auf die Behörden verlagert werden. Die Forscher kritisieren, dass dadurch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse bei nationalen Zulassungsentscheidungen weniger berücksichtigt würden, da diese sich weiterhin auf veraltete EU-Bewertungen stützen könnten.
Ein weiterer Punkt betrifft die Übergangsfristen: Diese sollen bei abgelaufenen Zulassungen auf bis zu drei Jahre verlängert werden – auch dann, wenn die Nicht-Wiederzulassung auf gesundheitliche oder ökologische Bedenken zurückgeht. Seit 2011 wurden 59 Wirkstoffe nicht wieder zugelassen, weil sie Risiken für Mensch oder Umwelt darstellten.
Dr. Dimitry Wintermantel von der Universität Freiburg, einer der beiden Leitautoren, erklärte, dass das Vereinfachungspaket die regelmäßige Neubewertung weitgehend abschaffen und bestehende Schwächen im vorhandenen Risikobewertungsverfahren unangetastet lassen würde. Dies erhöhe die Risiken für Biodiversität und menschliche Gesundheit und untergrabe das Vorsorgeprinzip sowie europäische und internationale Umweltschutzziele.
Dr. Julia Osterman von der Universität Göteborg, die zweite Leitautorin, wies darauf hin, dass die Vorschläge entgegen ihrem Ziel, Innovation zu fördern, das Gegenteil bewirken könnten. Wenn ältere Produkte länger auf dem Markt bleiben und nicht mehr regelmäßig überprüft werden, sinke der Anreiz, sicherere und innovativere Alternativen zu entwickeln.
Die Forscher fordern stattdessen eine Reihe konkreter Verbesserungen. Dazu gehören die zügige Aufarbeitung des Rückstaus bei Wiederzulassungsverfahren durch eine jährliche Investition von rund 15 Millionen Euro über drei Jahre, eine stärkere Zentralisierung der Bewertungen auf EU-Ebene nach fachlicher Expertise, die Veröffentlichung aller regulatorischen Studien, eine engere Verknüpfung von Zulassungsdaten mit Umweltmonitoring (etwa bei Bestäubern) sowie eine umfassendere Messung von Umweltrückständen zur besseren Risikoerkennung.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass eine wissenschaftlich fundierte, transparente und effiziente Zulassungspraxis möglich sei, ohne die bestehenden Schutzstandards zu senken. Die geplanten Änderungen würden hingegen zu höheren Risiken für Mensch und Natur führen und die Fähigkeit der EU schwächen, auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse schnell zu reagieren.

