Berlin (LabNews Media LLC) – Das Europäische Parlament hat den Weg für eine weitreichende Deregulierung von Pflanzen mit neuen genomischen Techniken (NGT) freigemacht. Mit der Verabschiedung der NGT-Verordnung werden bestimmte gentechnisch veränderte Pflanzen künftig deutlich laxer reguliert als bisher – ein Paradigmenwechsel, der erhebliche Risiken für Verbraucherschutz, Biodiversität und die gentechnikfreie Landwirtschaft birgt.
Bisher galten durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2018 auch Pflanzen, die mit CRISPR/Cas und ähnlichen Methoden verändert wurden, als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) und unterlagen strengen Zulassungs-, Kennzeichnungs- und Überwachungspflichten. Die neue Verordnung unterscheidet nun zwischen sogenannten NGT-1-Pflanzen, deren Veränderungen auch natürlich entstehen könnten, und komplexeren Eingriffen. Erstere sollen künftig vereinfachten Verfahren unterliegen, teilweise ohne verpflichtende Kennzeichnung und mit reduzierten Risikobewertungen.
Befürworter argumentieren, dass die Technik notwendig sei, um Pflanzen schneller an den Klimawandel anzupassen, Krankheitsresistenzen zu verbessern und den Pestizideinsatz zu senken. Tatsächlich könnte die Genomeditierung in manchen Fällen präziser und schneller als klassische Züchtung sein. Allerdings ist unklar, ob diese Vorteile die potenziellen Nachteile aufwiegen.
Kritisch ist vor allem, dass die Deregulierung das europäische Vorsorgeprinzip aufweicht. Auch wenn Veränderungen theoretisch natürlich entstehen könnten, bedeutet das nicht, dass sie risikofrei sind. Unbeabsichtigte Effekte auf Ökosysteme, Wechselwirkungen mit anderen Organismen oder langfristige Auswirkungen auf die Biodiversität sind derzeit nur unzureichend erforscht. Die pauschale Annahme, dass „natürlich mögliche“ Veränderungen automatisch unbedenklich seien, ist wissenschaftlich fragwürdig.
Besonders problematisch ist der weitgehende Verzicht auf eine verpflichtende Kennzeichnung. Verbraucherinnen und Verbraucher verlieren damit die Möglichkeit, informierte Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig droht die gentechnikfreie und ökologische Landwirtschaft unter Druck zu geraten, da eine klare Trennung der Produktionsketten erschwert wird.
Ein weiteres Risiko liegt in der Patentierbarkeit. Große Agrarkonzerne könnten durch Patente auf editierte Pflanzen und deren Eigenschaften eine noch stärkere Marktmacht erlangen. Kleinere Züchter und Landwirte geraten dadurch in eine Abhängigkeit, die die Vielfalt im Saatgutsektor weiter einschränken könnte.
Die Entscheidung des Europäischen Parlaments ist zwar nachvollziehbar im Hinblick auf den internationalen Wettbewerbsdruck – die USA, China und andere Länder gehen bereits weiter. Dennoch bleibt fraglich, ob Europa durch eine Absenkung eigener Standards tatsächlich wettbewerbsfähiger wird oder stattdessen langfristig an Glaubwürdigkeit in Sachen Verbraucher- und Umweltschutz verliert.
Statt einer weitgehenden Deregulierung wäre ein differenzierter, risikobasierter Ansatz mit verpflichtender Kennzeichnung, strenger Überwachung und umfassender Forschung zu Langzeitfolgen der bessere Weg gewesen. Die jetzt beschlossene Regelung setzt dagegen ein gefährliches Signal: Schnelligkeit vor Sicherheit.

