Milliardengeschäft mit Mindestlohn: Die sozialen und ökologischen Kosten des Gipskarton-Booms

Durch | September 29, 2026
Wo einst Orchideen wuchsen: Tagebau von Rump & Salzmann. Credits: Pugnalom

KOMMENTAR Der Boom beim Trockenbau mit Gipskartonplatten ist eng verknüpft mit prekären Arbeitsbedingungen, dem Einsatz ungelernter Hilfskräfte zu Niedriglöhnen und der rasanten Ausweitung des Naturgipsabbaus in ökologisch sensiblen Regionen wie der unter Naturschutz gestellten Gipskarstlandschaft südlich des Harzes. Während die großen Baustoffkonzerne Knauf, Saint-Gobain und Casea mit dem Rohstoff, der praktisch zum Nulltarif aus der Landschaft gewonnen wird, Milliardengewinne erwirtschaften und Bauunternehmen profitieren, werden die sozialen und ökologischen Folgekosten auf die Gesellschaft abgewälzt

Wo einst Orchideen wuchsen: Tagebau von Rump & Salzmann. Credits: Pugnalom
Wo einst Orchideen wuchsen Tagebau von Rump Salzmann Credits Pugnalom

Die Umsatzzahlen der führenden Gipskonzerne belegen die enorme Profitabilität des Geschäfts. Die Knauf-Gruppe beispielsweise, zu der die in Ührde bei Osterode am Harz ansässige Firma Rump & Salzmann gehört, verbuchte im Jahr 2024 einen Umsatz von 15,6 Milliarden Euro; der französische Baustoffriese Saint-Gobain kam im selben Jahr auf 46,6 Milliarden Euro Umsatz. Casea, als Teil der Remondis-Gruppe einer der Giganten des Naturgipsabbaus im Südharz, verarbeitet eine Million Tonnen Gips pro Jahr und erwirtschaftet damit zwischen 60 und 100 Millionen Euro Umsatz mit nur rund 200 Mitarbeitern.

Diese Gewinne basieren auf einem Rohstoff, dessen Abbaukosten im Verhältnis zum Marktwert minimal sind. Der Naturgips wird im Tagebau mit Sprengungen und schwerem Gerät gewonnen, wobei die externen Kosten für Landschaftszerstörung und der Verlust von Biodiversität nicht in die Bilanz der Unternehmen eingehen. Im Südharz werden jährlich rund 2,5 Millionen Tonnen Naturgips gefördert, was mehr als der Hälfte des deutschen Naturgipsaufkommens entspricht.

Auch die Baubranche profitiert enorm vom billigen Rohstoff aus Biodiversitäts-Hotspots: Gips hat die Arbeitsstruktur auf den Baustellen grundlegend verändert. Während früher qualifizierte Facharbeiter wie Maurer und Stuckateure Wände hochzogen und verputzten, erfordert der Ausbau mit Gipskartonplatten kaum Fachwissen und dauert einen Bruchteil der Zeit. Für eine Trockenbauwand mit Metallkonstruktion, beidseitiger Gipskartonbeplankung, Verspachtelung der Fugen und Hohlraumisolierung liegt der Arbeitszeitbedarf bei gerade mal einer Stunde pro Quadratmeter. Ein eingespieltes Trockenbau-Team kann damit binnen kürzester Zeit große Flächen bearbeiten. Bei einem Einfamilienhaus mit einer zu beplankenden Wohnfläche von 150 qm und einer durchschnittlichen Wandhöhe von 2,50 m ergibt sich eine zu beplankende Wandfläche von rund 400 bis 500 qm. Mit einem Team von zwei bis drei Arbeitern lässt sich diese Fläche in wenigen Tagen vollständig mit Gipskartonplatten ausstatten. Im Gegensatz dazu erforderten traditionelle Baugewerke eine mehrjährige Ausbildung und langjährige Erfahrung. Die Arbeit mit Gipskartonplatten kann hingegen von angelernten Hilfskräften nach kurzer Einarbeitungszeit ausgeführt werden, die oft nur zum Mindestlohn beschäftigt werden.

Wer heute ein Haus bauen will, muss trotzdem mit enormen Kosten für Arbeitsstunden rechnen: Bauunternehmen berechnen Bauherren zwischen 50 und 70 Euro pro Stunde, während sie ihren ungelernten Mitarbeitern gerade einmal 13,90 Euro brutto zahlen. Gehen wir in einer Beispielrechnung davon aus, dass das Unternehmen dem Bauherrn 65 Euro netto je Stunde in Rechnung stellt, nimmt er bei jeweils 160 Arbeitsstunden monatlich 20.800 Euro netto ein. Werden zwei ungelernte Mitarbeiter lediglich zum gesetzlichen Mindestlohn bezahlt, entstehen einschließlich pauschal angesetzter Arbeitgeberanteile direkte Personalkosten von rund 5.500 Euro. Die rechnerische Differenz beträgt damit durchschnittlich etwa 15.300 Euro pro Monat. Diese Summe ist theoretisch zwar nicht mit dem Unternehmensgewinn gleichzusetzen, da unter anderem Versicherungen, Verwaltung, Fahrzeugkosten und Steuern abgezogen werden müssen. Allerdings: Das deutsche Steuerrecht bietet Bauunternehmen erhebliche Möglichkeiten, den steuerpflichtigen Gewinn durch Abschreibungen und Investitionsvergütungen zu mindern, so dass der effektive Steuersatz gegen null tendieren kann.  

Genau in dieser Lücke zwischen Mindestlohn für Mitarbeiter und Inrechnungstellung von Arbeitslohn für den Bauherrn liegt der ökonomische Anreiz für standardisierte Verfahren mit Gipskartonplatten.

Der flächendeckende Einsatz von Gipskarton birgt ein weiteres erhebliches Problem. Während minder qualifizierte Arbeitskräfte die Betriebskosten der Bauunternehmen senken, muss die Gesellschaft die Folgekosten tragen. Denn die Bauwirtschaft ist ein Schlüsselbereich für die Volkswirtschaft, für Infrastruktur und Wohnraumversorgung. Die Verschlechterung der Qualifikationsstruktur der Beschäftigten betrifft nicht nur Bauqualität und Bausicherheit, sondern auch die soziale Absicherung der Beschäftigten, das Fachkräfteangebot für komplexere Aufgaben und die Innovationsfähigkeit der Branche.

Wenn Unternehmen zunehmend auf Hilfskräfte setzen, die lediglich zum Mindestlohn arbeiten, sinkt der Anreiz, überhaupt in Ausbildung und Qualifikation zu investieren. Die Folge ist eine weitere Verknappung qualifizierter Arbeitskräfte, wie es derzeit bereits der Fall ist. Zudem führt die geringere Qualifikation zu einer höheren Fehlerquote und zu mehr Mängeln, die später aufwendig saniert werden müssen. Die Kosten für diese Sanierungen tragen am Ende die Bauherren und die öffentliche Hand.

Ein weiteres gesellschaftliches Problem ist die soziale Absicherung der Beschäftigten. Hilfskräfte, die oft nur befristet oder über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt werden, haben ein höheres Risiko, in prekäre Arbeitsverhältnisse abzurutschen. Sie verfügen über geringere Rentenansprüche, weil sie weniger Beiträge in die Sozialkassen einzahlen. Das belastet langfristig die Sozialsysteme, insbesondere die Rentenversicherung. Die Bauindustrie hat zwar mit der SOKA-BAU ein branchenspezifisches System zur Absicherung der Arbeitnehmer, doch greift es nur, wenn die Beschäftigten tariflich oder sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Bei informeller oder Scheinselbstständigkeit fallen diese Schutzmechanismen weg.

Die Innovationsfähigkeit der Bauwirtschaft leidet ebenfalls unter der Dequalifizierung. Moderne Bauverfahren, wie etwa der energieeffiziente Holzbau oder die Digitalisierung der Bauprozesse, erfordern gut ausgebildete Fachkräfte. Wenn die Branche vorrangig auf ungelernte Arbeitskräfte setzt, verliert sie den Anschluss an technologische Entwicklungen. Das gefährdet nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bauwirtschaft im internationalen Vergleich, sondern auch die Erreichung klimapolitischer Ziele im Gebäudesektor.

Auch die ökologischen Folgen der Dequalifizierung sind gravierend. Der massive Ausbau von Trockenbauwänden mit Gipskartonplatten geht einher mit einem rasanten Anstieg des Naturgipsabbaus in ökologisch sensiblen Regionen wie der Gipskarstlandschaft südlich des Harzes. Der Gipsabbau verursacht irreversible Schäden an klimastabilen Laubwaldlebensräumen, die in ihrer Artenvielfalt nicht wiederherstellbar sind. Die externen Kosten dieser Landschaftszerstörung werden nicht in die Bilanz der Unternehmen eingerechnet, sondern von der Gesellschaft getragen.

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